Full text: Staatswissenschaftliche und juristische Litteratur (Jg. 2, Bd. 2 (1795))

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gien zuweilen auf eine ganz entgegengesetzte Weise rechtlich 
entschieden werden könne, da dieß lediglich in den verschie¬ 
denen Gesichtspunkten eines Jeden seinen Grund hat. Daß 
hier aber das historisch- unleugbare Faktum, daß das Reich 
durch das erstattete Gutachten vom 22. December 1794 die 
Rücksprache des Kaisers mit dem Könige von Preußen und die 
Vermittelung des letztern verlangt; daß hierauf der preu¬ 
ßische Friede mit Frankreich am 5ten April 1795 abgeschlos= 
sen und daß in demselben die bona officia des Königs für das 
Reich von Frankreich ausdrücklich angenommen worden; daß 
dieß Faktum vom allerwichtigsten Einfluß auf die Entscheidung 
der Frage sey: ob der preußische Friede mit Frankreich mit der 
Reichsverfassung vereinbarlich sey, oder nicht? glaubt Rez., 
auch als nicht entscheidender Referent, bemerken zu müssen, 
da dasselbe von dem Verf. der Schrift Num. 3. nicht berührt 
noch beseitigt ist und er enthält sich alles weitern Urtheils in 
der Hauptsache. 
Nur das glaubt Rez. noch schlüßlich bemerken zu müssen: 
obgleich der Verf. der beyden ersten Schriften in Rücksicht des 
politischen Raisonnements und der Urbanität seines Ausdrucks 
manche Vorzüge vor dem Verf. der dritten Schrift hat, dem 
jedoch auch eine gemeine Kenntniß der öffentlichen Verhand¬ 
lungen und scharfsinnige Combination derselben zu seinem Zweck 
nicht abgesprochen werden kann; so hat sich doch ersterer un¬ 
streitig im Eifer für seine Behauptungen zu weit führen lassen, 
wenn er Convenienz als das höchste Prinzip aller Staats¬ 
handlungen und der Verbindlichkeit eingegangener Verträge 
aufstellt, wenn er S. 107 ausdrücklich sagt: „daher liefert 
uns die Geschichte meines Wissens kein Beyspiel, daß irgend 
ein politischer Vertrag länger gehalten worden sey, als die 
Convenienz erlaubte." Rez. zweifelt sowohl an der histo¬ 
rischen Richtigkeit dieser Behauptung, als an der Statthaf¬ 
tigkeit der daraus gezogenen Schlußfolge. Convenienz mag 
häufig historischer Grund zur Aufhebung eines Staaten¬ 
vertrags gewesen seyn, aber einseitiger moralischer Grund 
konnte es nie seyn. Welche nachtheilige Folgerungen würden 
aus diesem Princip für die Ruhe aller Staaten gezogen werden 
kön= 
— 
Max-Planck-Institut für 
RUSIROEA 
europäische Rechtsgeschichte
	        
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