Full text: Allgemeine juristische Zeitung (Jg. 3 (1830))

des bloßen seitherigen Gebrauches niederzureißen, und 
selbstständig nach eigner frei gewonnener Ansicht zu 
entscheiden. 
Wie überall, so waren auch hier zwei Wege mög 
lich. — Die zur Herrschaft gelangte Geisteskraft konnte 
in übermüthigem Stolze, sich selbst vergötternd, alles 
a priori aus sich selbst entwickeln und neugestalten, 
oder mit der Bescheidenheit und Demuth des wahren 
Weisen, der überall den Weltregierer und seine Größe 
und Herrlichkeit ahnet, den verborgenen Zusammen¬ 
hang der Dinge erspähen, und im Geiste des bereits 
wahrhaft Vorhandenen dasselbe zu einem verjüngten 
und erneueten Daseyn verhelfen wollen. — Welchem 
dieser beiden Seiten die neuen Gesetzgebungen angehören, 
haben wir hier nicht zu entscheiden. Was aber die 
Länder des gemeinen CivilRechtes betrifft; so zeigen 
sich wenigstens die Anfänge beider Richtungen in ihnen 
zur Genüge, und in der Mitte zwischen beiden die 
Passivität der Vielen, welche nur die Last der Ge¬ 
schäfte zu beklagen wissen, und allen Muth und alle 
Freudigkeit, sich auch mit dieser Last aufzurichten, 
und voll Zuversicht den Pfad freier geistiger Thätigkeit 
und Tüchtigkeit in ihrem Berufe zu wandeln, verloren 
haben. — Jener ersten Richtung und ihren Anfängen 
möchten wir es zuschreiben, wenn — um namentlich 
hier bloß beim Römischen Rechte stehen zu bleiben - 
in der Auffassung und Darstellung desselben die neuere 
Zeit häufig soviel Willkür und Eigendünkel zeigte, 
wenn es ihr oft nur darum zu thun schien, ihre eigne 
Weisheit mit Römischen Federn aufgestutzt, zum Besten 
zu geben, und wenn sie deßhalb theils mit sich selbst in 
Widerspruch gerieth, und in unzählige Controversen 
zerfiel, theils nur Widerwillen und Ueberdruß am gan¬ 
zen Rechte erzeugte, und jene beklagenswerthe Erschlaf¬ 
fung und Passivität so vieler trefflichen Anlagen großen¬ 
theils mit verschuldete. — 
Trostreich aber ist es, wenn neben jener Richtung 
auch die andere sich offenbart, und von Jahr zu Jahr 
wie nach allen übrigen Seiten unsers NationalLebens 
hin, so auch im Rechtsgebiete und namentlich im Ge¬ 
biete des Römischen Rechts mehr Kraft und Selbst¬ 
ständigkeit gewinnt, und damit auch jener Lethargie 
mit immer größerer Hoffnung des Erfolgs zu begegnen 
strebt.- Ihr ist es zuzuschreiben, wenn es der neuern 
Zeit hinwiederum auch gelang, den todten Buchstaber 
des Römischen Rechts zu besiegen, und in das innere 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
Heiligthum dieser von der göttlichen Weltregierung 
nicht ohne Grund aus dem Alterthume in die neuere 
Zeit hinübergepflanzten erstaunenswerthen Rechtsbildung 
einzutreten. Aber um diese erst recht zu verstehen, 
um von ihrer Trefflichkeit recht durchdrungen zu wer¬ 
den, ist noch eine weit größere Selbstentäußerung noth¬ 
wendig, müssen wir noch weit mehr, als seither im 
Ganzen sichtbar geworden ist, unsere eignen verküm¬ 
merten Ansichten und Meinungen daheim lassen, uns 
von den mit so vielen falschen und einseitigen Behaup¬ 
tungen doch immer noch durchwebten neuern Darstel¬ 
lungen unabhängig machen, überall unmittelbar die 
Quelle selbst befragen, und zwar nicht bloß hin und 
wieder in einzelnen Aussprüchen und s. g. Beweisstellen, 
sondern wir müssen in ihren Gesammtgehalt eindringen, 
und im Lichte derselben jedes einzelne Institut und 
jede einzelne Stelle würdigen lernen.- 
Aber, heißt es, dieß gilt für den Theoretiker, nicht 
für den Praktiker! — Sonderbarer Unterschied, der 
jetzt so oft zwischen unsern Juristen gemacht wird! 
Nichts bezeichnet wohl mehr den kläglichen Zustand, 
zu dem unsere Rechtspflege durch ihre Losreißung von 
nationalem Grund und Boden herabgesunken ist! Sol¬ 
len denn unsere Richter, die über unser Hab und Gut 
entscheiden, nicht vor allen das Recht kennen? Sollen 
wir uns ihrer Weisheit und Einsicht nicht vor allen 
sicher anvertrauen dürfen? Müssen wir befürchten, 
daß sie selbst das fremde Recht, dem das angestammte 
nationale Recht so oft aufgeopfert worden ist, nicht 
vollständig und gehörig kennen? Wollen die gelehrten 
Richter, die den schlichten Schöffen aus unsern Gerich¬ 
ten verdrängt haben, jetzt sich selbst wieder unmündig 
machen, und uns noch mehr beklagen lassen, wohin 
wir mit all unserer UeberCultur gerathen sind? — Die 
Theoretiker mit ihren Lehrbüchern, ihren Abhandlungen, 
ihren Zeitschriften u. s. w. sollen, nach dem Sturz der 
frühern Praxis, jetzt den einzigen Halt- und Stütz¬ 
punkt gewähren. Allein ungeachtet Schreiber dieses 
sich selbst in jene Classe zu zählen hat; so gibt er doch 
zu bedenken, wie voller Widersprüche in ihren Prin¬ 
cipien und Resultaten die heutige Theorie noch ist; 
wie wenig sie ein organisches Ganze bildet, der ältern 
Römischen Jurisprudenz vergleichbar; wie unrömisch, 
roh und oberflächlich noch so manche unserer gepriese= 
nen Lehrbücher bei näherer unbefangenen Prüfung 
erscheinen; wie in unsern Zeitschriften so manche kaum
	        
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