Full text: Allgemeine juristische Zeitung (Jg. 3 (1830))

Nachdem im fünften Buche der Pandecten, dem 
ersten der zweiten Pars, nach einem allgemeinen Titel: 
De judiciis überhaupt, die Lehre von den auf eine 
ganze Universitas, nämlich die Hereditas, gerich¬ 
teten Klagen abgehandelt worden ist, handelt das sechste 
Buch die zunächst auf einzelne Sachen gerichtete 
Rei vindicatio mit ihren prätorischen Erweite¬ 
rungen, der Actio Publiciana und der utilis rei vindi¬ 
catio des Ager vectigalis, sowie der spätern Emphy¬ 
teuse ab (wobei zu beobachten ist, daß die Actio Pu¬ 
bliciana ebenfalls eine utilis rei vindicatio ist, die je¬ 
doch ihres besondern Namens wegen nicht als solche be¬ 
zeichnet zu werden pflegt). Daß die Pandecten auch 
in dieser Anordnung dem Edicte folgen, erhellt aus den 
Worten Ulpian's ad edict. in der L. 1. pr.: „Post 
actiones, quae de universitate propositae sunt, 
subjicitur actio singularum rerum petitionis", in 
welchen der Ausdruck Actio petitionis sich eben¬ 
falls aus der formalen Bedeutung der Actio im präto¬ 
rischen Edicte erklärt. Wenngleich in diesem Titel an 
sich nur von der Justinianeischen Eigenthumsklage die 
Rede seyn sollte; so konnte doch dieß nicht geschehen, 
ohne nicht hin und wieder den Eigenthumserwerb und 
andere an sich in den spätern Titel: De acquirendo 
rerum dominio gehörende Materien zu berühren; we߬ 
halb beide Titel sich wesentlich ergänzen. Auch der 
Zusammenhang mit dem an derselben Stelle des Sy¬ 
stems stehenden Codextitel: De rei vindicatione (3,32) 
ist nicht zu übersehen. — Daß Libri ad edictum, be¬ 
sonders von Ulpian und Paulus, für diesen Titel vor¬ 
züglich benutzt wurden, daß in einzelnen Punkten aber 
auch die praktischen Schriften eines Papinian und an¬ 
derer, sowie die den Gerichtsgebrauch commentirenden 
Schriften, namentlich ad Sabinum befragt werden 
mußten, brachte die Natur des Gegenstandes mit sich. 
Wenngleich die aufgenommenen Excerpte den Gegen¬ 
stand im Allgemeinen ziemlich vollständig abhandeln; 
so ist im Einzelnen doch ein durchgehender innerer 
Zusammenhang unter ihnen nicht nachweisbar; über 
den behaupteten äußerlichen ist Bluhme zu verglei¬ 
chen, auf den die neusten Herausgeber des Corpusjuris, 
die Gebrüder Kriegel, wie in jedem Titel, so auch 
hier bei jeder einzelnen Stelle verweisen. — L. 1. §. 2. 
Ueber Vindication eines Filius familias. 
Die Vindicatio ging an sich nur auf Res und diesen 
gleichstehende Servi, nicht auf liberae personae juris 
aatsbibliothel 
Max-Planck-Institut für 
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nostri, wohl deßhalb nicht, weil, wie die früher bei ihr 
als Lanze und als Signum justi dominii gebrauchte 
Vindicta oder Festuca andeutete, und wie Gajus 4, 16. 
auch zu behaupten scheint, die Vindication ursprüng¬ 
lich auf die vom Feinde erbeuteten und vom Populus 
dem Einzelnen zum vollen Eigenthume besonders ver¬ 
liehenen Gegenstände ging. (Daher die wesentliche 
Formel: ex jure, oder ex jussu, oder ex lege Quiri- 
tium; daher die Ansprache der geleisteten vollen Gewähr 
des Populus, was alles mit der Grundbedeutung der 
Res mancipi zusammenhängt). Bei freien Personen 
im Jus, selbst bei denen im Mancipium, konnte aber 
von einem solchen Rechtsgrunde nicht die Rede seyn, 
weßhalb, nach unserer Stelle, auch nur ausnahms¬ 
weise, wenn nämlich durch Nennung der Causa der 
den Status libertatis gefährdenden falschen Auffassung 
vorgebeugt war, die Vindication hier für zulässig er¬ 
klärt ward. — Uebrigens wird hier zunächst die Inter¬ 
punction wichtig. Falsch ist es, mit Gothofredus ein 
Comma hinter: in potestate zu setzen; denn die ad¬ 
jecta causa ist nicht in den bloßen Worten: ex jure 
Romano enthalten, sondern in den Worten: in po¬ 
testate ex jure Romano; weßhalb denn auch 
neuere Ausgaben, z. B. die Kriegelsche richtiger inter¬ 
pungiren. Das vel der Handschriften gibt Anstoß, 
weßhalb Haloander es gestrichen hat. Wahrschein¬ 
lich ist es das abgekürzte velut, das mit vel auch 
häufig gleiche Siglen hatte; bei welcher Annahme der 
Tert völlig verständlich ist. Uebrigens muß man sich 
hier der Vindicationsformel bei Gajus (4, 16) erin¬ 
nern: „Hunc ego hominem ex jure Quiritium meum 
esse ajo secundum suam causam, sicut dixi; ecce 
tibi vindictam imposui". Das in potestate esse ex 
jure Romano bezeichnet übrigens etwas ganz An¬ 
deres, als das ex jure Quiritium meum est; dort 
wird das Römische CivilRecht bezeichnet, hier der ur¬ 
sprüngliche Jussus populi, weßhalb Pomponius auch 
in unserer Stelle sagt: ex lege Quiritium vindicare 
pesse, da doch sonst der Ausdruck Lex nie zur Be¬ 
zeichnung des Jus civile Romanum gebraucht wird. 
Diese rechtsgeschichtlichen Andeutungen müssen hier ge¬ 
nügen. — Auffallend möchte für Manche die neben den 
Praejudicia und Interdicta angeführte Cognitio prae¬ 
toria seyn, weil ihrer in unsern Lehrbüchern seltener ge¬ 
dacht wird. Sie bezeichnet die extra ordinem vom 
Prätor selbst ohne Judex vorgenommene Untersuchung,
	        
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