Full text: Allgemeine juristische Zeitung (Jg. 3 (1830))

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beklagt, daß besonders durch eine verkehrte Anwendung des 
Römischen Rechts, das klare Rechtsbewußtseyn unsers Vol¬ 
kes und die einfache nationale Entwickelung unsers Rechtes 
gar sehr getrübt und gestört worden sey; allein eine mög¬ 
liche Aufhülfe erblickten wir seither im Ganzen nur darin, 
daß das inwohnende Rechtsgefühl unsers Volkes durch grö¬ 
ßere Freigebung der Autonomie und durch Zuziehung zur 
Rechtspflege wieder belebt und ausgebildet, das einheimische 
positive Recht durch sorgfältige Pflege und Schonung des 
noch lebendig Erhaltenen gesichert, und das ursprünglich 
fremde Recht durch ächt wissenschaftliche Erforschung und 
Darstellung dem Deutschen Geiste und Rechtszustande wahr¬ 
haft näher gebracht und vermählt würde. Dagegen sagten 
uns jene Klagen über ein Gesetzbuch in fremder Sprache, 
jene Behauptungen von der Nothwendigkeit einer authentischen 
Uebersetzung, damit der gemeine Mann und jeder Nicht Ju¬ 
rist sich selbst daraus über das, was Rechtens sey, un¬ 
terrichten könnte, u. dgl. wenig zu. Jeder Kenner des 
Corpus juris weiß, daß auch durch eine Deutsche Ueber¬ 
setzung desselben die Nothwendigkeit einer weitern wissenschaft¬ 
lichen Verarbeitung des Inhaltes und einer sorgfältigen Un¬ 
terscheidung des Geltenden und Antiquirten nicht gehoben 
wird; daß das Römische Recht eine solche Fülle von Insti¬ 
tuten, und einzelnen Bestimmungen enthält, daß die wis¬ 
senschaftliche Erforschung und Anwendung desselben noth¬ 
wendig einem eignen, durch besondere Studien gebildeten 
Stande überlassen werden müssen, in dessen Gebiet kein 
Dritter ohne eigne Gefahr zu praktischem Behufe sich hinein¬ 
wagen wird. — Diese Betrachtungen drängen sich einem, 
wie gesagt, bei dem Gedanken einer Uebersetzung des Cor¬ 
pus juris unwillkürlich zunächst auf. 
Gehen wir aber auf diesen, den meisten heutigen Rechts¬ 
gelehrten wohl neuen und unerwarteten Gedanken weiter ein, 
so war derselbe in gewisser Hinsicht schon vorbereitet durch 
die Deutsche Uebersetzung des Theophilus vom Hrn. v. Wüste= 
mann, des Gajus vom Hrn. v. Brockdorf, und der 
Allein 
Institutionen Justinians vom Hrn. Roßberger. 
diese Unternehmungen, selbst den Theophilus nicht ganz 
ausgenommen, erfreuten sich anscheinend keiner großen 
Theilnahme des juristischen Publicums und keiner entschiede¬ 
nen Beifälligkeit der Recensenten. Auch müssen wir wiederum 
in Beziehung auf uns selbst gestehen, daß wir zu denjeni¬ 
gen gehörten, die keine sonderlichen Früchte von solchen 
Bestrebungen erwarteten. — Jetzt aber, da sich aus sol¬ 
Max-Planck-Institut für 
chen Anfängen der größere Gedanke einer Uebertragung des 
ganzen Römischen Rechtsbuches in unsere vaterländische 
Sprache bei namhaften Rechtsgelehrten nicht nur entwickelt, 
sondern auch in dem vor uns liegenden ersten Bande bereits 
ins Leben zu treten begonnen hat, wird es ernste Pflicht, 
diesen Gedanken einer möglichst sorgfältigen Prüfung zu un¬ 
terwerfen und alle vorgefaßten Meinungen bei Seite zu 
setzen, um unbefangen und gerecht urtheilen zu können. 
Was die Sprache vom Geisteswerke betrifft, so müssen 
wir wohl überall ein Zwiefaches unterscheiden. Wer ein in 
fremder Sprache geschriebenes Werk vollkommen verstehen 
und das eigenthümliche Geistesleben in demselben ganz auf¬ 
fassen will, muß nothwendig Herr der Sprache seyn, in 
der es empfunden, gedacht und geschrieben worden ist. I 
aber von mehr, als einem flüchtigen vorübergehenden Ver¬ 
ständniß, ist von einem völligen Aneignen des fremden 
Werkes die Rede; so müssen wir es auch in unserer vater¬ 
ländischen Sprache wiedergeben, weil es nur alsdann als 
unserm Geiste vermählt, und von ihm als sein Eigenthum 
gestempelt erscheint. Damit tritt es aber zugleich aus der 
Fremde in das Gebiet unsers eignen Volkslebens ein, und 
erlangt als vaterländisches Werk eine neue und eigenthümliche 
Wirksamkeit. Ist nicht die heilige Schrift durch Luthers 
Uebersetzung ein Deutsches Werk geworden, das grade in 
dieser Gestalt auf unser Volk, auf Gelehrte und Ungelehrte, 
einen unberechenbaren Einfluß gehabt hat? Dem gelehrten 
Studium des Hebräischen und Griechischen Grund Textes ist 
aber dadurch kein Abbruch gethan; vielmehr ist dieses ja 
in einer Weise seit Luther betrieben worden, wovon man frü¬ 
her keinen Begriff hatte. Dieß auf unser Corpus juris ci¬ 
vilis angewandt, so wird es freilich keinem Zweifel unterlie¬ 
gen, daß nach wie vor zu einem erfreulichen wissenschaftli¬ 
chen Studium und zu einer lebendigen Auffassung desselben 
die genaue Kenntniß seiner Sprache unentbehrlich ist. Allein 
auf der andern Seite ist auch wohl zu bedauern, daß es 
nicht gleich zur Zeit seiner Einführung in unsere Sprache 
übersetzt ward. Vielleicht wäre dadurch jener unglückseligen 
kastenartigen Trennung der gelehrten Juristen von den un¬ 
gelehrten Deutschen Schöffen und Rathmännern und damit 
der ganzen feindseligen Störung der organischen Entwicklung 
unsers Deutschen Rechtszustandes auf die natürlichste und 
einfachste Weise vorgebeugt worden. Die weisen und erfah= 
renen Männer unserer ungelehrten Deutschen Ritters-, Bür¬ 
gers, und Bauersleute hätten, von ihrem gefunden Verstande,
	        
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