Full text: Allgemeine juristische Zeitung (Jg. 3 (1830))

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Confession Art. XXVIII. §. 1 und 2. potestatem eccle¬ 
siasticam, episcoporum, clavium *), und definiren die¬ 
selbe im Einklange mit dem Zwecke der Kirche und dem 
Begriffe des Gesellschaftsvereins: 
Mandatum Dei, praedicandi evangelium, remittendi 
et retinendi peccata et administrandi sacramenta 
(§. 2.), faciendi ordinationes, quae caritatem et 
tranquillitatem servant, ut res ordine gerantur in 
ecclesia et sine tumultu omnia fiant (§. 15 et 16.), 
cognoscendi doctrinam et doctrinam ab evangelio 
dissidentem rejiciendi et impios, quorum nota est 
impietas, excludendi a communione ecclesiae. 
Nach diesen Aussprüchen der Restauratoren der evangelischen 
Religion, besteht die Kirchengewalt außer in dem Lehramte 
nur noch in dem Rechte, Störungen des Gottesdienstes zu 
verhindern, das Symbol rein zu erhalten und die notorisch 
Unreinen von der Gemeinschaft der Kirche auszuschließen. 
Mehr soll die Kirche nicht erfassen, und Philipp erklärt in 
der Apologie Art. 16.: 
Sciamus, evangelium non ferre leges de statu civili ; 
und ordnet dem Staate die Kirche unter, wenn er fortfährt: 
Ceterum non solum externas politias approbare, sed 
nos etiam subjicere illis. 
Der Deutsche Tert verdeutlicht diese Stelle noch mehr: 
das Evangelium läßt aber nicht allein bleiben, dieselbigen 
äußerlichen Polizeyen, WeltRegiment und Ordnung, son¬ 
dern will auch, daß wir solchen sollen gehorsam seyn: 
die Kirche soll am wenigsten eine Theokratie seyn. 
Die kirchliche Gewalt wird aber der ganzen Gemeinheit 
der Kirche vindicirt und nur auftragsweis, nicht aus Eigen¬ 
macht, von Wenigen ausgeübt. Hierauf beziehen sich außer 
dem obenaufgeführten §. 1. Art. IV. p. II. der Schmal¬ 
kaldischen Artikel, worin selbst der Papst dem Geringsten 
gleichgestellt wird, unter andern Mehreren insbesondere fol¬ 
gende Stellen: 
Art. VII. ibid. claves sunt officium et potestas 
ecclesiae a Christo data, 
(de pot. et prim. papae §. 61.) non tantum certis 
personis *). 
*) Matth. 16. v. 19. Und ich will dir des Himmelreichs Schlüssel 
geben. 
Denn wo zween oder drei versammelt sind in meinem Namen, 
da bin ich mitten unter ihnen. 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
§. 22. ibid: tribuit igitur — Christus — principa¬ 
liter claves ecclesiae et immediate; sicut et ob 
eam causam ecclesia principaliter habet jus vo¬ 
cationis. 
§. 19. ibid. quomodo potest papa jure divino esse 
supra totamn ecclesiam, quum ecclesia habeat 
electionem. 
§. 60. ibid. quare necesse est, ecclesiam retinere 
jus vocandi, eligendi et ordinandi ministros. 
Wegen dieses unveräußerlichen Electionsrechts, zu dessen 
tieferer Begründung Melanchthon §. 13. ibid. noch auf die 
Bestimmung des Nizänischen Concils sich beruft: 
ut episcopi eligerentur a suis ecclesiis, 
gewinnt die Kirche einen höhern Standpunkt, als die von 
ihr abhängigen Kirchendiener (§. 58. ihid.), denn diese 
werden von ihr erwählt und gleichrechtlich des Amts wieder 
entlassen. Die Kirchendiener sollen sich daher nicht über die 
Kirche erheben, 
— Art. 28. der Augsburg. Conf. Petrus *) verbeut den 
Bischöffen die Herrschaft, als hätten sie Gewalt, die 
Kirche, wozu sie wollten, zu zwingen, und Paulus **) 
docet, ecclesiam esse supra ministros (§. 11. de 
pot. etc.) — 
Unverkennbar weisen die Männer des 16ten Jahrhunderts 
mit diesen lichtvollen Ideen das Episcopal- und das Terri¬ 
torialsystem zurück, letzteres noch besonders durch die Art. 
28. §. 1. 3. 4 und 6. der Augsb. Conf. ausgesprochene 
Trennung der geistlichen und weltlichen Gewalt, womit der 
Ausfluß der Erstern aus der Letztern von selbst wegfällt. 
Sie kennen einzig das mit der wahren Kirche unzertrennlich 
verknüpfte Collegialsystem, wenn ihnen auch der Name un¬ 
entdeckt geblieben. 
Das Collegialsystem ist aber nicht allein in den symboli¬ 
schen Büchern der protestantischen Kirche geschichtlich begrün¬ 
det, sondern auch in andern historischen Documenten aner¬ 
kannt. 
So spricht §. 29. des Nürnberger Reichsabschieds von 
1524. in Anwendung auf die neue Lehre von den „von ge¬ 
*) I. Petr. 5. v. 3. Nicht, als die über das Volk herrschen, 
sondern werdet Vorbilder der Heerde. 
*) I. Corinth. 3. v. 6. Ich habe gepflanzet, Apollo hat begossen; 
aber Gott hat das Gedeihen gegeben.
	        
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