Full text: Annalen der deutschen und ausländischen Criminal-Rechts-Pflege (Bd. 12 = H. 23/24 (1831))

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die gerichtlichen Debatten sind geschlossen, der Richter wiederholt, 
um das Urtheil der Jury zu unterstützen, nach den Bemerkungen, 
die er sich aufgezeichnet, die Beweise Für und Wider, und fügt 
solche Erinnerungen bei, welche ihm dienlich scheinen. Die Jury 
berathschlagt nun entweder auf ihren Bänken, oder indem sie 
sich in ein Nebenzimmer zurückzieht, und giebt durch das Organ 
ihres Präsidenten ihr Erkenntniß von sich. Stimmenmehrheit 
entscheidet. In dem Protocoll muß von dem Actuar bekräftigt 
werden, daß die Geschwornen, von dem Augenblick, wo sie den 
Eid leisteten, bis wo sie ihren Ausspruch thaten, nicht aus einan¬ 
der gegangen sind, noch mit Jemand Rücksprache genommen ha¬ 
ben. Die Liste der Geschwornen ist so groß, daß man unmög¬ 
lich die Namen der Mitglieder einer Jury voraus wissen kann, 
und folglich ist kein Einfluß auf sie zu befürchten. Da man die 
Ausmittelung des Thatbestandes den Eingebornen überläßt, und 
die Europäer bloß mit Handhabung des Gesetzes sich befassen, 
so reicht jetzt Ein europäischer Richter hin, wo man früher deren 
2 und 3 brauchte. Die Indier, welchen die genaue Kenntniß 
des Charakters ihrer Landsleute zu Gute kommt, gehen mit einer 
Sicherheit und Schnelligkeit zu Werke, daß kein Handel mehr 
über einen Tag, und keine Session über 8 — 10 Tage dauert; 
während nach der alten Methode ein Prozeß nicht selten 6 Wo¬ 
chen oder 2 Monate einen Gerichtshof in Anspruch nahm. Die 
Jury ist überdieß für die Eingebornen so bildend, daß die Regie¬ 
rung seither aus ihrer Mitte sehr brauchbare und achtungswerthe 
Friedensrichter ernennen konnte, welche die niedere Rechtspflege 
mit weniger, ja fast ohne Kosten für den Fiscus verwalten. Auf 
solche Weise wurde es möglich, an der gerichtlichen Organisation 
der Colonie eine jährliche Ersparniß von 10,000 Pf. Sterl. zu 
erzielen. Wer keinen guten Leumund besitzt, kann nicht Ge¬ 
schworner seyn, daher gilt die Eigenschaft des Geschwornen bei 
ihnen als Prädicat, worauf sie sich berufen, wenn sie sich ge¬ 
gen eine Anschuldigung verantworten, oder bei der Regierung 
eine Anstellung suchen. Schon der Umstand, daß die Geschwor¬ 
nenliste vor jeder Session von dem Obergericht auf's neue durch¬ 
gesehen wird, trug wesentlich dazu bei, ihnen ein tadelloses Be¬ 
tragen an's Herz zu legen; auf der andern Seite verlieh ihnen 
aber auch ihr neuer Beruf Begriffe von Rechtlichkeit, die ihnen 
vorher ziemlich fremd waren, und bewirkte eine Umwandlung in 
ihren Gesinnungen, deren Folgen bald auch politisch sichtbar 
wurden. Dieß sah man an ihrem verschiedenen Benehmen in 
den beiden Kriegen gegen die Kandier im Jahre 1803 und im 
Vorlage 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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