Full text: Archiv des Criminalrechts (N.F. Jg. 1854 (1854))

der Schwurgerichte. 
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weil er seine Schwägerin geheirathet und bei deren Leb¬ 
zeiten noch eine zweite Frau genommen hatte. Nach 
englischem Gesetz ist aber die Ehe mit der Schwägerin 
nichtig. Die Geschworenen waren nun darüber im Zweifel, 
ob trotz der Nichtigkeit der ersten Ehe die zweite Ehe nicht 
strafbar sei, und überließen die Beantwortung dieser Frage 
den Richtern, welche den Angeklagten freisprachen. Man 
sollte denken, daß auch ein Laie einsehn kann, daß eine 
nichtige Ehe keine Ehe ist. Mag indeß eine Frage 
noch so zweifelhaft sein, so giebt dies doch dem zu deren 
Entscheidung Berufenen und Verpflichteten kein Recht, sich 
dieser Entscheidung zu entziehn. 
Wohl jedem gelehrten Richter sind wohl schon so zwei¬ 
felhafte Fälle vorgekommen, daß er die Entscheidung am 
liebsten ganz abgelehnt hätte, er muß sie aber geben, es 
ist dies seine Pflicht, welcher er so wenig wie der Ge¬ 
schworene sich entziehen kann. Beide müssen die Ent¬ 
scheidung nach ihrem besten Wissen geben. Damit genü¬ 
gen sie ihrer Pflicht. 
Das französische Verfahren beruht auf einem 
ganz anderen Princip. Es besteht aus festen ein für alle 
Mal bei Strafe der Nichtigkeit vorgeschriebenen Normen. 
Es beginnt nicht mit der Frage an den Angeklagten: ob 
er sich schuldig bekennt. Ja auch wenn der Angeklagte 
dies unaufgefordert thäte, und seine Verurtheilung danach 
außer allem Zweifel wäre, so muß das Verfahren doch 
seinen ein für alle Mal vorgeschriebenen Gang nehmen. 
Die Zeugen werden vernommen, der Staatsanwalt und 
der Vertheidiger halten Reden über Reden über die Frage: 
ob der Angeklagte Handlungen begangen hat, durch welche 
das Strafgesetz verletzt ist. Der Präsident hält allemal 
seinen Schlußvortrag. 
Den Geschwörenen wird die Anklageschrift nicht mit¬ 
getheilt, sondern es werden ihnen bestimmte Fragen vor¬ 
Volage 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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