Full text: Niederrheinisches Archiv für Gesetzgebung, Rechtswissenschaft und Rechtspflege (Bd. 2 (1817))

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der strafbaren Handlung am sichersten gewürdigt werden 
kann; sie greifen so zu sagen, das ganze Individuum 
des Angeklagten auf, und fassen nicht bloß die isolirte 
böse That des Schuldigen, sondern sein Verbrechen im 
Zusammenhange mit einem den Staat schon längst be¬ 
drohenden Lebenswandel ins Auge. 
Auch darin liegt ein unverkennbarer Vortheil, der 
öffentlichen Verhandlung vor einer Jury, daß ein der 
Vergangenheit angehörendes Ereigniß auf die mög¬ 
lichst vollständige Weise in der Gegenwart wieder repro= 
duzirt wird, indem das Verbrechen, der deshalb Unter= 
suchte, und die Zeugen, sowohl der That selbst als aller 
ihr vorgängigen und nachfolgenden Erscheinungen in einem 
natürlichen zusammenhängenden Ganzen lebendig vor die 
Seele des Richters aufgestellt werden. 
In solcher Aufstellung zeichnet sich das Bild des ver¬ 
gangenen Ereignisses, so weit es überhaupt noch nicht 
unwiederbringlich erloschen ist, wie in einem Spiegel ge¬ 
tren ab. Tausende leiser oder dunkel vorschwebender 
Zweifel, die keine Inquisition vorzusehen, noch aufzu= 
klären vermag, finden sich gelöst in der eigenen An¬ 
schauung dieses Bildes, mit allen seinen Umrissen und 
feinen Schattirungen; das Gaukelspiel der Fantasie findet 
bei ihr keinen Raum mehr, und kann mithin nicht auf 
gefährliche Irrwege führen. 
Endlich enthüllen die Reibungen der Rede und Gegen¬ 
rede fast immer die Wahrheit, indem sie die Verstellung 
entblößen oder noch verborgene Umstände hervorlocken, 
die, so unbedeutend sie an sich seyn mögen, zu dem Vor= 
Vorage 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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