Full text: Niederrheinisches Archiv für Gesetzgebung, Rechtswissenschaft und Rechtspflege (Bd. 2 (1817))

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Die allgemeinen Regeln über den Beweis, die der 
Gesetzgeber dem Richter als Leitfaden an die Hand giebt, 
hören auf für die bis ins Unendliche modifizirten einzelnen 
Fälle passend zu seyn,*) und was bleibt dann diesem 
Richter übrig, als das Gefühl seines Unvermögens? 
Zudem ist die Richtigkeit des Denkens nicht ein ausschließ= 
liches Vorrecht der Gelehrsamkeit, und es ist überhaupt 
noch eine Frage, ob in der Kriminal=Geschichte das Total 
der durch pedantische Spitzfindigkeit oder verschrobene Viel 
wisserei erzeugten Misgriffe das Total der durch die Ver 
irrungen des gesunden Menschenverstandes veranlaßten 
Uebel nicht bei weitem überwiegt. 
Wie sehr empört sich nicht unser menschliches Gefühl 
gegen jene engherzige Theorie, die den gefährlichsten und im 
Läugnen bestgewandtesten Verbrecher bei dem Mangel eines 
vollen künstlichen Beweises in Ansehung der schauder. 
haftesten Verbrechen von der Jnstanz entbindet, wo 
gerade dergleichen allergefährlichsten Freveler an der 
Menschheit durch die Geschwornen=Gerichte am gewissesten 
erreicht werden, indem diese eine unmittelbare 
Anschauung von der Subjektivität des Angeklagten, 
wie kein Gerichts=Protokoll sie zu geben vermag, erhalten, 
und von der Gesammtheit der innern und äusseren Züge, 
welche die Verhandlungen über seine Persönlichkeit ent 
wickeln, den Maßstab entlehnen, wonach die Zurechnung 
Man nehme so z. B. jenen, mit dem, den Mörder entdeckenden 
Hunde des Aubry. — Der Jurist hätte mit seinen vorgerechneten 
Beweisen sehr in Verlegenheit kommen müssen zu entscheiden. 
Aber der Geschworne würde für seine Ueberzeugung Gründe 
genug geschöpft haben. — Und solcher Fälle gibt es unberechen¬ 
bar viele. 
Archiv zweiter Band I. Hef | . 
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Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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