Full text: Neues Archiv des Criminalrechts (Bd. 9 (1826))

Beurtheilung 
712 
2) Eben so müßte man zeigen können, daß in jedem Falle 
ein psychologischer Kampf von Reizen und Gegenreizen im 
Gemüthe des Verbrechers vorgehe, ehe er sich zur Handlung 
entschließt. Auch dies kann nicht nachgewiesen werden. 
Die Mehrzahl der Verbrecher sind sich ihrer Handlungs= 
weise nicht deutlich bewußt; wer im Affekte handelt, ist 
ohnehin keines klaren Vorsatzes sich bewußt; er wägt nichts 
ab, er denkt an die Strafe nicht, aber auch bei vielen an= 
deren Verbrechern bemerkt man, daß sie mehr zum Ver= 
brechen, d. h. zu dem eigentlichen Acte desselben fortgestoßen 
sind; wenn auch zuvor, ehe es zum Entschlusse kommt, der 
Verbrecher mit dem Gedanken des Verbrechens sich vertraut 
macht, so ist es am Ende doch ein oft unbedeutender Um= 
stand, welcher die wirkliche That herbeiführt, ohne daß 
man sagen kann, daß der Verbrecher mit seinem Entschlusse 
im Reinen war. 
3) Sollte die Theorie Feuerbach's 
consequent durchgeführt werden können, so müßte man die 
Verschiedenheit der Größen der Reize, welche zu verschiede= 
nen Verbrechen antreiben, ausmessen können, um genau 
die jedem Verbrechen anpassende Strafe zu finden. 
Dies ist aber unmöglich; der Reiz, welcher zu einem an 
sich geringen Verbrechen treibt, kann eben so groß seyn, als 
zu einem andern schweren Verbrechen: z. B. zu dem Dieb= 
stahle oder zu Raufhändeln ist oft eine größere Neigung da. 
als zum Morde; entweder muß sich daher der Gesetzgeber, 
damit seine Strafdrohung wirksam werde, die möglichst 
größte Summe von Reizen zum Verbrechen vorstellen, und 
daher die schwersten Strafen auch den geringeren Verbrechen 
drohen, oder er denkt sich bei jedem Verbrechen eine wahr= 
scheinliche Mittelgröße der Reize, muß aber dann zugeben. 
daß er ganz willkührlich verfährt, weil ein solches Ausmes= 
sen der menschlichen Natur nicht möglich ist, oder er muß 
zu einem andern Princip seine Zuflucht nehmen, und nach 
der inneren Strafwürdigkeit und nach der Größe der ver= 
letzten Rechte die Strafen abstufen, wodurch er aber seiner 
psychologischen Zwangstheorie untreu wird, und wider Wil= 
len gestehen muß, daß der Strafgerechtigkeit nun die An= 
sicht entspricht, nach welcher man die Strafe nur als ver= 
Vorlage 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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