Full text: Juristische Miscellen besonders das preußische Recht betreffend (St. 2 (1804))

161 — 
Auf was für Art die Wittwe Kiesel Gift bekommen 
und wie die Sache ruchtbar geworden und zur Kenntniß 
des Gerichts gelangt ist, ergiebt sich aus der Vernehmung 
der Kiesel und aus den eidlichen Aussagen ihrer Nachba¬ 
rin, der Bäckerwittwe Jung, imgleichen des Amtschirur¬ 
gus Rademacher und des Chirurgus Gaede. 
Die zweiundsechszigjährige Wittwe des verstorbenen 
Strumpfwürkermeisters Kiesel besitzt ein Haus in der Wil¬ 
helmsstraße. Ihr Schwiegersohn, der Kaufmann Fuß, 
wohnt darin aut ihr seit 9 Jahren. Sie war sonst immer 
gesund und munter gewesen und hatte von der Schwäche 
des Alters wenig gelitten; aber seit einiger Zeit kränkelte 
sie, und es ereigneten sich bei ihr Zufälle, aus denen 
sie selbst den Argwohn schöpfte, daß man sie vergiften 
wolle. 
Am 6ten Novbr: 1802 kochte sie sich eine Mehlsuppe 
und einen Fisch, wozu sie von dem Salze nahm, das sie 
von ihrem Schwiegersohne gekauft hatte. Sie empfand. 
als sie die Mehlsuppe kaum genossen hatte, Uebelkeiten, 
mußte sich übergeben, aß aber doch noch etwas von dem 
Fische. Da indessen das Erbrechen überhand nahm; so 
ließ sie den Chirurgus Gaede holen, der ihr ein Brech¬ 
mittel gab. 
Ihren Koffee kochte sie sich des Morgens in einem 
Topfe. Das, was übrig blieb, ward in einer Kanne ab¬ 
geklärt und zum Abendbrodt bestimmt. Eines Morgens 
wöllte ihr der Koffee nicht schmecken; sie empfand nach 
dem Genusse desselben eine Trockenheit im Munde und 
als sie am Abend den Ueberrest wärmte, kam eine weiße 
Materie in die Höhe. Sie fand, als sie den Koffee um¬ 
rührte, noch mehr auf dem Grunde, so daß es ihr an¬ 
ekelte und sie nicht davon trank. 
JJuristische Miszellen, Iltes St.) 
ir 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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