Full text: Zeitschrift für österreichische Rechtsgelehrsamkeit und politische Gesetzkunde (Jg. 1844, Bd. 3 (1844))

Notizenblatt. 
584 
rung als nothwendig voraussetzen, wenn jene Resultate der Gesetzgebung und 
Rechtspflege als Richtschnur und zur Aufklärung der Wahrheiten dienen sollen. 
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die gerichtliche Medicin die Wage hält, 
um darnach die praktische Brauchbarkeit gewisser natur= und heilkundiger Wahr¬ 
heiten zum Behufe des Rechtes zu bestimmen. Vernunft und Erfahrung 
sind die zwei Hebel, die sie in Bewegung setzt, um die Richtigkeit oder Falschheit, 
Brauchbarkeit oder Verwerflichkeit bestimmter Wahrheiten der Natur= und Heil¬ 
kunde zum Behufe des Rechtes zu bestimmen. Aus welcher Erfahrung schöpft sie 
aber ihre leitenden Grundsätze? Etwa blos aus den Erfahrungen der Natur¬ 
und Heilkunde allein? Ich sollte meinen, die Forschungen der Rechtsgelehrten, 
denen ein ernstes Streben nach der Erkenntniß der menschlichen Natur das wahre 
Gepräge des Philosophen gibt, können eben so viel mit ihrer Erfahrung zur 
Bereicherung der gerichtlichen Medicin, zur Feststellung ihre Grundsätze und zur 
Begründung ihres Einflusses auf Ermittelung der Wahrheit beitragen. Ist doch, 
wie ich schon in der Einleitung dieser Vorlesung sagte, das Bedürfniß und das 
Streben nach Wahrheit von Seite der Rechtsgelehrten die Wiege und Ursprung 
der gerichtlichen Medicin gewesen, und den Rechtsgelehrten sollten die Grundsätze 
zur Erforschung der Wahrheiten, wie sie die gerichtliche Medicin aufstellt, von 
ihrem Standpuncte aus fremd bleiben? Ihnen sollte der kritische Maßstab, der 
an jeder zum Behufe der Rechtspflege angewandten natur= und heilkundigen 
Wahrheit augelegt wird, etwas Unzugängliches bleiben? Sie sollten das Studium 
der menschlichen Natur nicht benützen können, um, combinirt mit den Erfahrun¬ 
gen in ihrer Rechtssphäre, dieselben als Criterium bei der praktischen Anwendung 
der gerichtsärztlichen Resultate benützen zu können?- 
Man sagt, sie hätten nicht die gehörigen Vorkenntnisse. Hierauf antworte 
ich: 1. Viele Kenntnisse aus dem Gebiete der Naturwissenschaft, Chemie, Natur¬ 
lehre, Anthropologie und aus dem Gebiete der Psychologie stehen ihnen zu Ge¬ 
bote, die man sehr gut benützen kann, um deren praktische Anwendung in der ge¬ 
richtsärztlichen Praxis nachzuweisen. 2. Es wird Niemanden einfallen, eine so 
tief eindringende Kenntniß der gerichtlichen Medicin dem Juristen beibringen zu 
wollen, wie sie dem Gerichtsarzte Noth thut. Dieser soll antworten, Jener fra¬ 
gen lernen, der Arzt soll wissen zu untersuchen, der Richter die erhaltenen Resul¬ 
tate verstehen, Was wird der Richter, frage ich, in seinem praktischen Wir¬ 
kungskreise in med. gerichtlichen Fällen thun müssen? Wird er nicht die Gutachten 
des Gerichtsarztes erhalten? Wird er sie nicht verstehen müssen? Wie kann er sie 
verstehen? Er hat ja keine medicinischen Kenntnisse? Darauf antwortet der Ge¬ 
richtsarzt: Mein Gutachten wird so abgefaßt sein, daß mich der Richter, ob¬ 
wohl er kein Arzt ist, verstehen wird! Dasselbe wird der Lehrer der gerichtlichen Me¬ 
diein, seinen juristischen Zuhörern gegenüber, thun. Er wird die Frage stellen 
lassen und nach den Grundsätzen der gerichtlichen Medicin so antworten, daß ihn 
der Zuhörer, ohne Arzt zu sein, verstehen wird. 
Max-Planck-Institut für
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer