Full text: Zeitschrift für österreichische Rechtsgelehrsamkeit und politische Gesetzkunde (Jg. 1844, Bd. 3 (1844))

Dr. Beer: über das Studium der gerichtl. Medicin. 
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ist seine Pflicht; nur daß er vom richtigen Gesichtspuncte diese Prüfung 
anstelle — das ist eben, was ihn nicht nur seine eigene Wissenschaft, sondern 
auch die gerichtliche Medicin lehren wird. 
IX. Ich erlaube mir nur noch einige Betrachtungen über das Wesen 
und den Begriff der gerichtlichen Medicin, da dieselben geeignet sein 
dürften, noch einiges Licht auf die Annahme zu werfen, als wäre diese Disciplin 
dem Rechtsgelehrten unzugänglich und als müßte sie demselben eine terra incog¬ 
nita bleiben. 
Man ist bei der Definition dieser Disciplin von zwei verschiedenen Gesichts¬ 
puncten, deren jeder einseitig war, ausgegangen. Dem einen Gesichtspuncte nach 
war gerichtliche Medicin ein Aggregat von naturwissenschaftlich-medicinischen 
Kenntnissen, die nur für den Arzt da sind, damit er auf die an ihn gestellten Fra¬ 
gen des Richters antworte. Man hat aber hierbei vergessen, daß es unmöglich ist 
alle Resultate der Natur= und Heilkunde in der gerichtlichen Medicin so zu umfas¬ 
sen, daß sie bei vorkommenden gerichtlichen Fragen, deren Individualisi¬ 
rung vom Richter abhängt, zur Antwort genügen; — man hat vergessen, daß 
jenes stereotype Convolut gewisser Sätze aus allen Zweigen der Natur= und Heil¬ 
kunde durchaus nicht hinreicht, um nur einigermaßen eine befriedigende Lösung 
auf die Fragen, wie sie im praktischen Leben vorkommen, geben zu können. 
Es sieht beinahe so aus, als lernte ein Arzt eine Masse von Recepten für einzelne 
Krankheiten auswendig. Der gewisse Schlendrian in den Büchern: Wenn man 
Dies fragt, müsse man Jenes beantworten; die mechanische Formulirung der 
Fragen führt zu der mechanischen Formulirung der Antworten, und eben dieser 
Mechanismus ist der Tod der gerichtlichen Medicin, deren Seele in der 
Kunst zu individualisiren und in der speciellsten Prüfung jedes einzelnen 
Falles besteht. Die Folge dieser Zusammenstellung von Fragen und Antworten 
war, daß man sich nur zu oft an allgemeine Ausdrücke hielt, auf die ein¬ 
zelnen Momente des vorliegenden Falles wenig achtete und, anstatt über den spe¬ 
ciellen Fall in seiner Eigenthümlichkeit nach seinen besonderen Verhältnissen nach¬ 
zudenken, suchte man ihn in irgend ein Fach oder Capitel der gerichtlichen Medicin 
einzureihen, und suchte in dem bestimmten Paragraphe die Antwort. Eine solche 
gerichtliche Medicin ist nur geeignet, den Geist des Gerichtsarztes zu tödten und 
den Unwissenden glauben zu machen, er habe für jede Frage eine Antwort, für 
jeden gerichtlichen Zweifel einen unwiderstehlichen Schlüssel, für jedes Räthsel 
die Auflösung. Ich will nicht weiter ausführen, zu welchen traurigen Consequen¬ 
zen diese Art, gerichtliche Medicin zu lehren und zu lernen, führen mußte und 
wie wenig sie geeignet war, ihrem höheren Zwecke zu entsprechen. Daß eine 
solche Chrestomathie aus verschiedenen Lehrzweigen der Natur¬ 
und Heilkunde dem Rechtsgelehrten unverständlich, unschmackhaft, unzugänglich 
war, — daß sie diejenigen, die sich daran wagten, weit entfernt, ihnen Befriedi¬ 
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Max-Planck-Institut für
	        
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