Full text: Zeitschrift für österreichische Rechtsgelehrsamkeit und politische Gesetzkunde (Jg. 1844, Bd. 3 (1844))

Anz. üb. Schüz's Grundsätze der National=Oekonomie. 
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jenes Princip vornehmlich realisiren — können wir, so schmerzlich uns dies Ge¬ 
ständniß auch fällt, nicht einstimmen. Die Betrachtung des Bildungsganges und 
der gegenwärtigen Zustände der Nationen zeigt nur zu deutlich, wie bei den Erwerbs¬ 
bestrebungen die Rücksicht auf den allgemeinen Nutzen immer mehr in den Hinter¬ 
grund tritt, und wie es in steigendem Verhältnisse die Aufmerksamkeit, Einsicht und 
Kraft der Regierungen in Anspruch nimmt, die in Wort und That sich kund ge¬ 
bende sonderbare Auslegung des christlichen Liebesgebotes: Jeder ist sich selbst der 
Nächste — in den rechtlichen und für das allgemeine Wohl unschädlichen Schran¬ 
ken möglichst zurückzuhalten. Innerhalb dieser Schranken hat die Natur durch Ver¬ 
kettung der eigennützigen Bestrebungen der Einzelnen für die Förderung der gemein¬ 
samen Zwecke vorgesorgt. Ein ehrlicher Erwerb ist in der Regel ohne angemessene 
Gegenleistung nicht zu erlangen, enthält also die Nöthigung, Güter oder Dienste 
anzubieten, d. i. etwas zum Wohle der Gesellschaft beizutragen. Anders stellt sich 
die Sache bei der Volkswirthschaftspflege. Das Princip derselben ist aller¬ 
dings der Gemeinnutzen, er sollte es wenigstens immer sein. Doch wirken ihre 
Maßnahmen und Institute zunächst auch nur für einzelne Classen, und es ist oft 
schwer zu entscheiden, in wie fern eine einseitig zugewendete Begünstigung auf Alle 
gleichmäßig abfließen, oder nicht schon von vornherein durch eine größere Last auf 
einer anderen Seite aufgewogen werde. Theils darin, theils in dem Widerstreite 
mit der Richtung der individuellen und corporativen Wirthschaftsbestrebungen mag 
der Grund liegen, warum sich die Wahrheiten und Regeln der Volkswirthschafts¬ 
lehre in der Wirthschaftspflege theilweise zu einem Aggregat von Auskunfts- und 
Uebergangsmitteln verkörpern *). 
1) Was der Herr Verf. in der Vorrede des Buches über Princip und sittlichen Geist 
in der Volkswirthschaft angedeutet, hat er seitdem ausführlicher erörtert in zwei 
Abhandlungen in der Zeitschrift für die gesammte Staatswissen¬ 
schaft, Jahrgang 1844, 1. und 2. Heft, unter den Ueberschriften: Das sitt¬ 
liche Moment in der Volkswirthschaft — Das politische Mo¬ 
ment in der Volkswirthschaft. Handelt es sich nicht um die historische 
Auffassung gegebener Wirthschaftsverhältnisse, sondern um die wissenschaftliche 
Bildung und Zusammenstellung der Grundsätze sowohl der Volkswirthschaftslehre 
als der Volkswirthschaftspolitik, so stimmen wir mit den in der ersten Abhand¬ 
lung entwickelten Ansichten in so fern überein, als sich die Wissenschaft der Oeko¬ 
nomie nicht wie ein völlig abgerissener Theil der menschlichen Erkenntnisse und 
der moralischen Gesetzgebung betrachten lasse. Unter der letzteren stehen die Men¬ 
schen immer und überall. Gleichwie gewisse Vorfragen in der Oekonomie durch 
psychologische und physikalische Studien gelöst werden müssen, so gibt es hinwie¬ 
der Schlußentscheidungen, die aus dem Gebiete der Wirthschaftslehre in 
jenes der Moralphilosophie hinüberragen, wobei also der Oekonom an eine höher 
stehende Ordnung der Dinge, an die sittliche Ordnung, gebunden ist, Doch sind 
wir nicht der Meinung, daß die wirthschaftlichen Grundsätze zu bilden seien 
nach den sittlichen Gesetzen. Wahrheiten und Nützlichkeitsregeln lassen sich nicht 
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Max-Planck-Institut für
	        
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