Object : Mueller, Johannes: Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes des Menschen und der Thiere nebst einem Versuch über die Bewegungen der Augen und über den menschlichen Blick

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Man  hat  eine  natürliche  Scheu  vor  Hypothesen,  weil
keine  allgemeinen  Untersuchungen  über  den  Vorzug  einer  derselben ¬
  entscheiden,  ihre  Bestätigung  vielmehr  von  einer  noch
mangelnden  empirischen  Thatsache  abhängt.  Aber  eine  andere
Scheu  vor  der  Hypothese  ist  seltner  und  edler,  die  auf  dem
Bewußtseyn  der  Ungenügsamkeit,  des  Unrechtes  und  des  Unwerthes ¬
  sogar  der  bestätigten  Hypothese  in  physiologischen ¬
  Dingen  beruht.  —  Ich  habe  mich  schon  oben  bemüht  zu
zeigen,  daß  die  Naturforschung  auch  etwas  Religiöses  an
sich  habe,  damit  will  ich  sagen,  daß  sie  auch  ihren  Cultus
habe.  Man  kann,  glaube  ich,  hinzusetzen,  sie  hat  auch
ihre  dauernden  Priester.  Da  giebt  es  eine  Erfahrung,  die
nur  von  Ideen  gebildet  wird,  und  aus  den  Erfahrungen  wieder ¬
  entspringen  uns  auf  unmittelbare  Weise  Ideen,  weil
jene  wie  Institutionen  eines  religiösen  Cultus  wirken.  Diese
anspruchslose  schlichte  Anschauung  der  Natur,  die  in  sich
selbst  gezwungen,  in  allen  Dingen  nur  das  Rechte  der
Dinge,  die  Wahrheit  ihres  Scheins  erkennt,  ist  der  Sinn
des  Naturforschers  und  namentlich  des  Physiologen.  Lasset
einen  solchen  Geist  erfahren,  was  Ihr  immer  wollt,  er
erfährt  mehr,  als  in  den  Dingen  selbst  scheinbar  sinnlich
Erkennbares  ist;  und  wie  seine  Erfahrungen  und  Betrachtungen ¬
  aus  der  Idee  hervorgehen,  so  gehen  sie  auch  in
Ideen  zurück.  Ich  erinnere  an  die  Ansichten  der  Natur
von  Alexander  von  Humboldt  und  an  die  naturforschenden ¬
  Arbeiten  Göthe's.  Die  Erfahrung  wird  zum  Zeugungsferment ¬
  des  Geistes.  Nicht  das  abstracte  Denken
über  die  Natur  ist  das  Gebiet  des  Physiologen.  Der
Physiologe  erfährt  die  Natur,  damit  er  sie  denke.
            
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