Vorbemerkung des Herausgebers.
10
stark konfessioneller Mischung, wie die Konfessionsstatistik ergiebt, gerade das
speLand ¬
und auf dem Lande wiederum die sozial tieferstehenden Schichten
die
ziell also die Landarbeiter — Träger des Katholizismus zu sein pslegen,
Berichterstattung aus diesem Grunde ziemlich spärlich und oft mangelhaft
und meist nur einzelne rein oder fast rein protestantische Inseln umfasst. Der
von mir mit katholischen Schülern erörterte Gedanke, den Versuch eines Angehens
des katholischen Klerus (z. B. Westfalens) um Beantwortung eines dem vorstehenden ¬
ähnlichen Fragebogens zu machen, wäre für mich als Protestanten nach
Lage der Verhältnisse wohl leider aussichtslos gewesen, er hätte überdies vermutlich
das Misstrauen der Ordinariate erregt und den etwa zur Beantwortung bereiten Geistlichen ¬
Unbequemlichkeiten verursachen können. — In einem Schlussheft zu den Bearbeitungen ¬
Norddeutschlands sollen 1) einige Berichte, welche in besonders gelungener
Weise entweder besonders typische oder besonders eigenartige Verhältnisse schildern
— selbstverständlich unter Wahrung der in dem Aufforderungsschreiben zugesagten
Anonymität — ihrem Wortlaut nach ganz oder teilweise wiedergegeben werden und
werde ich 2) ein kurzes Resumé der Resultate zu geben suchen. Ad 1 wird auch
die Diaspora berücksichtigt werden können. Ad 2 werde ich Gelegenheit haben,
mich auch darüber zu äussern, in welchen Beziehungen ich der angestellten Erhebung
einen selbständigen wissenschaftlichen Wert beimesse. Hier sei nur daran erinnert
dass ihr Zweck ein doppelter war: 1) eine Kontrolle des gleichartigen, durch
Befragung der ländlichen Unternehmer erhobenen Materials der Untersuchungen
des Vereins für Sozialpolitik (cf. die Schriften desselben Band 53—55) durch ein
wenigstens indirektes Angehen auch der Land arbeiter zu versuchen; ob und mit
welchem Ergebnis dies gelungen ist, wird an dem gedachten Ort zu besprechen sein
— 2. aber und namentlich: den evangelischen Landgeistlichen eine erneute
Anregung und zugleich, an der Hand eines methodisch gegliederten Frageschemas
die erleichterte Möglichkeit zu geben, in ihrem eigenen und ihrer Gemeinde Interesse
sich einen Einblick in die ökonomisch-sozialen Existenzbedingungen ihrer Gemeindeangehörigen ¬
zu verschaffen. Denn man ging von der Ansicht aus, dass es zwar sicherlich ¬
nicht Sache des geistlichen Amts als solchen sein könne, Wirtschaftspolitik zu
treiben und im Interessenstreit Partei zu ergreifen, dass aber der Geistliche die psychologischen ¬
Konsequenzen der modernen Wirtschaftsentwicklung und Klassenbildung
ihren notwendigen und möglichen Einfluss auf die traditionellen Grundlagen des
Familienlebens und auf die Art der Beziehungen des Menschen zu seiner
Arbeit kennen und in ihrem Zusammenhang durchschauen müsse, wenn er die
spezifisch modernen Lebenskämpfe und Versuchungen, in welche seine Gemeindeglieder
hineingestellt sind, mit brüderlicher Gerechtigkeit verstehen und beeinflussen wolle.
Die Veranstaltung der Enquete fiel noch in eine Zeit, wo diese Ansicht auch von den
grössten deutschen Kirchenregimentern teils ausdrücklich teils stillschweigend ge
billigt wurde.
Hiemit steht es heute bekanntlich anders. Nach unsern deutschen Verhältnissen
wird der vielbesprochene » Wechsel der Majoritäten« parlamentarischer Staaten vertreten
durch den Wechsel der in den leitenden Schichten jeweils geltenden politischen und
sozialpolitischen Moden, welche, unberechenbar in ihrer Entstehung, in ihrer phasenreichen ¬
Unbeständigkeit alle Schäden des Parlamentarismus in etwas anderer Form und
ohne dessen immerhin auch vorhandene Vorzüge mit sich bringen. Sie fügen zu
jenen Schäden überdies jene Unaufrichtigkeit hinzu, zu welcher ein halb patriarchalisches,
halb bureaukratisches Regime genötigt ist, welches im Interesse des von ihm bean¬