Volltext : ¬Die Agrarfrage der Gegenwart (2)

der  Kirche  und  social  als  Unterwerfung  der  arbeitenden ¬
  Stände  unter  die  besitzenden.  Diese  so  charakterisirte ¬
  Umwälzung  der  Gesinnung  in  den  höheren ¬
  Ständen  trat  in  allen  Ländern  Europas
ein,  hier  mehr,  dort  weniger,  hier  früher,  dort
später,  und  verschonte  sogar  das  Papstthum  nicht.
Das  Auffinden  der  Pandekten  in  Amalfi  (1135)  war
der  erste  Spatenstich  am  Grabe  der  mittelalterlichen ¬
  Gesellschaft.  In  den  katholisch  gebliebenen
Ländern  vollzog  sich  diese  Umwälzung  nicht  ganz,  indem ¬
  es  gelang,  wenigstens  die  alte  Kirche  zu  erhalten,
aber  sie  verlor  ihr  Bestes,  ihre  volle  Freiheit  und
damit  ihre  umgestaltende  Socialkraft  an  die  Fürsten
und  wurde  als  Staatskirche  mehr  oder  weniger  eine
politische  Anstalt.  Viel  dazu  mitgewirkt  hat  der
Umstand,  daß  in  den  bedeutendsten  damaligen
Ländern  die  freiheitliche  Kraft  der  Völker  sich  im
Religionshader  zerfleischte  und  daß  auch  die  Reformatoren ¬
  sich  sehr  bald  genöthigt  sahen,  ihre  neue
Dogmen=  und  Kirchenbildung  der  Staatsgewalt  zu
überliefern,  so  daß  diese  Kirchen  ebenfalls  Fürstenkirchen ¬
  und  damit  politische  Anstalten  wurden.  Das
socialpolitische  Endergebniß  dieser  Renaissancezeit, ¬
  die  durch  das  bekannte  Bild  Kaulbachs  popularisirt, ¬
  auch  vielfach  als  Reformationszeitalter ¬
  bezeichnet  wird,  bestand  darin,  daß  fast  allenthalben
der  Absolutismus,  die  mehr  oder  weniger  schrankenlose ¬
  Herrschaft  der  Landesfürsten  sich  erhob
über  Volk  und  Kirche  —  und  in  Deutschland  noch
über  den  Kaiser!
Wenden  wir  uns  nun  speciell  zu  unserem  Vaterlande! ¬
  Alles,  was  in  dem  Jahrhunderte  der  Reformation ¬
  durchgedrungen  ist,  war  vielfach,  selbst  bis  auf
die  neuen  Glaubenslehren,  schon  vor  1517  ausgesprochen
und  angestrebt  worden.  Die  Signatur  der  social=politischen
Bewegung  seit  langer  Zeit  war  das  Verlangen  der
Landesfürsten  nach  absolutistischer  Macht.  Der  Kaiser,
den  man  systematisch  geschwächt  hatte  und  der  sich  daher ¬
  außerhalb  Mitteldeutschlands  seine  Stütze  suchen
mußte,  konnte  die  Fürsten  in  jenem  Bestreben  wenig
1*
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer