14 Die vorgebliche „principielle Kritiklosigkeit" der kirchlichen Armenpflege.
die spätere Zeit haben wir das gewiß unverdächtige Zeugniß Julians
des Apostaten.
Maßgebend für diese ganze Einrichtung waren jene christlichen GrundIndem ¬
dieselben
lehren über Genügsamkeit, Arbeit und Nächstenliebe.
unterschiedslos an Reich und Arm gerichtet waren, konnten einerseits die
nöthigen Kapitalien flüssig gemacht und konnte anderseits ihrer segensreichen ¬
Verwendung der Boden bereitet werden. Wer nun auch nur den
flüchtigsten Einblick in die Geschichte der christlichen Lehren und Einrichtungen ¬
hat, der weiß wie stark hier das conservative Princip vertreten
ist, von welch' maßgebender Bedeutung jede Lehre und Einrichtung einer
je
früheren Periode für die folgende war. Diese Bedeutung wuchs
näher die betreffende Überlieferung an das apostolische Zeitalter heranreichte. ¬
Nihil innovetur quod traditum est, lautete die kirchliche Regel. ¬
Es hat also die eben geschilderte Organisation nicht nur als die
erste Gestaltung der christlichen Armenpflege ein besonderes Interesse für
uns, nein wir sind berechtigt, sie von vornherein als die Grundlage des
kirchlichen Armenwesens auch der folgenden Zeiten zu bezeichnen. Dafür
bürgt uns nicht nur die Analogie ähnlicher historischer Entwicklungen,
dafür spricht vor Allem der im innersten Wesen der Kirche begründete
Conservatismus. Ohne weitere Beweise dürfen wir also die Grundzüge
dieser Einrichtung als den Kern bezeichnen, aus dem im Laufe der Jahrhunderte ¬
die verschiedenen, den jeweiligen Zeitverhältnissen angepaßten
Gebilde der christlichen Charitas organisch sich entwickelten. So mannigfaltig ¬
auch ihre äußere Entfaltung war, so verdankten sie doch ihr
Dasein jenem einen unsterblichen Lebenskeime, verriethen durch Übereinstimmung ¬
in der Grundform ihrer Gestaltung den gemeinsamen Urprung. ¬
Für alle Zeiten blieb die thatkräftige Gottesliebe die unversiegbare ¬
Quelle der christlichen Nächstenliebe und Wohlthätigkeit. Mit der
Zeit, in welcher jene primitiae spiritus allmählich entschwanden, konnten ¬
die segenspendenden Gewässer, welche sie der armen leidenden Menschheit ¬
zusendet, an Fülle und Reinheit verlieren, aber versiegen kann und
wird sie nie.
Dieselbe Stetigkeit können und müssen wir auch den andern Grundprincipien ¬
des christlichen Wohlthuns zuschreiben. So wenig die Kirche
je das Gebot der Nächstenliebe vergessen kann, so wenig kann sie abweichen ¬
von der apostolischen Lehre über die Arbeit. Immer war und
für immer wird sie ihr sein: das von Gott geordnete Mittel zum Unterhalt ¬
unseres irdischen Daseins, ein auf Arm und Reich lastendes
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