VII. Schleswig-Holstein.
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der Gemeinheit auszuscheiden — eine Art von Aufstreckungsrecht. So entstanden die
gleichmäßig großen Unterabteilungen in den Geschlechtsgemarkungen, wie man sie in Neuen
krug, Neuenwisch, Edemannswurth usw. vor sich sieht
Die Howen, welche WALDEMARS Erdbuch als vom König in der Hemmer Feldmark
und in den Nachbargemeinden erworben in Verbindung mit Rutenabmessungen aufführt
(vgl. oben S. 260), waren selbstverständlich nicht ganze Anteile von Geschlechtsverbänden.
Ebenso ist ausgeschlossen, daß hier Howe den gesamten und Jarde eine Quote des
Landloses der Einzelfamilie bezeichnet hätte, weil diese Anteile und ihre Längenabmessung
in den dicht nebeneinander liegenden Gemarkungen, welche die Urkunde aufführt, ganz
verschiedene waren. Vielmehr stellen die Verhältnisse der Deichdörfer die obige Annahme
außer Zweifel, daß die „Howen“ der Urkunde als Landstücke im Sinne des späteren Fehmarnschen
Sprachgebrauchs, und zwar als Morgen, die „Jarden“ aber als Viertelmorgen aufzufassen
sind. In den Deichdörfern wird für die aus den Wurtgemeinden übernommene Bezeichnung
„Howe“ bald der Ausdruck „Morgen“ eingeführt worden sein, weil sie hier mit der andern
Wortbedeutung zusammentraf und für die ungleich langen Ackerstücke ein abstraktes Flächen
maß nicht mehr zu entbehren war.
In Dithmarschen ist zwischen die leitende Kirchspielsbehörde und die Einzelfamilie
das Geschlecht oder die Bauerschaft mit selbständigen agrarischen Funktionen getreten
Auch fehlte die Centralisierung der öffentlichen Gewalt, welche überall eine bestimmte
Fläche für jeden Kolonisten zur Verfügung gestellt hätte. Aus diesen Gründen entbehrten
von Anfang an die Gemarkungen der dithmarscher Deichdörfer der schematischen Einheitlichkeit -
und individualistischen Durchbildung, welche in der Elbmarsch die Erinnerung
an die nordamerikanischen Prärienfarmen wachruft. Die Landgüter hatten in den ver
schiedenen Bauerschaften von vornherein eine verschiedene Größe, und sie fanden lange
Zeit ihre Ergänzung durch die Meente; in der holländischen Elbmarsch gleicht jede Hufe
der andern, und Gemeinheiten haben dort wohl niemals bestanden.
Die Unterschiede in den Flurbildern der beiden Landschaften haben sich im Laufe
der Zeit noch verschärft. Teilungen und Zusammenlegungen haben hier wie dort statt
gefunden. Aber die holländischen Familien waren darauf bedacht, die ihrem Bedürfnis höchst
zweckmäßig angepaßten „Hufen“ in ihrer ursprünglichen Gestalt und in ausreichender
Größe möglichst zu erhalten. In Dithmarschen fand der Einzelne einen starken wirtschaftlichen -
Halt an Geschlecht und Bauerschaft, der Anteil am Gemeindelande gestattete eher
eine Verkleinerung der Güter. Auf diese Weise kam die starke Gemengelage zu stande,
welche am Ende des Mittelalters bestand, und der auch das Aufkommen der Großbauernwirtschaften -
seitdem nicht vollkommen abzuhelfen vermochte. Es ist anzunehmen, daß man
gerade im Anfange des Entwässerungswerkes die Teilungen in der Breite vorgenommen hat,
und auf diese Weise mit Hilfe des Aufstreckungsrechtes ähnlich wie in dem gleich zu
besprechenden Risum Moor schmale, sehr lang gestreckte Streifen zu stande kamen, die man
dann wieder der Länge nach teilte.
Daß in Nordfriesland Geschlechtsverbände eine ähnliche Rolle für die Besiedelung
gespielt haben, wie in Dithmarschen, ist kaum zu bezweifeln; denn der Einteilung der dithmarscher -
Dorfgemeinden in Eggen und Hoven entsprechen hier engere örtliche Verbände
die auch als Gesamtverbürgungen zum Frieden hervortreten; sie heißen „Maten oder
Matinge“ *) (Genossenschaften) oder wie in Ostfriesland „Rott“?
Manche Besonderheiten zeigen die Ansiedlungen auf den Mooren am Rande der
Geest; sie sind von verhältnismäßig jungem Ursprunge, weil man die Moore erst nach den
Schlickländereien entwässern konnte. Als eine der ersten dieser Ansiedlungen ist die hier
zu behandelnde anzusehen: Risum Moor in der nordfriesischen Böckingharde.
*) Vgl. MICHELSEN, Nordfriesland im Mittelalter, Schleswig 1828, S. 165. Mat, noch
im Holländischen und in der Schiffersprache gebräuchlich, ags. mata, engl. mate heißt Genosse, ¬
Kamerad. Vgl. N. OUTzEN, Glossarium der fries. Sprache, Kopenhagen 1837, und
TEN DOORNKAAT, Östfries. Wörterbuch.
2) So zerfällt das altfries. Dorf Enge an der Soholmer Au in 3 Rotte. Vgl. Top. S. 126.