Neigebaur: Wissenschaft!. Ansichten Uber Völkerrecht. 63
nicht servile und niederträchtige Gesinnungen zur Last gelegt
werden dürfen, wie Rousseau gethan hat.
Jedenfalls bleibt dem Hugo Grotius das Verdienst, dass
er das Völkerrecht in unzertrennliche Verbindung mit dem
Naturrecht gebracht hat, und wir verdanken ihm die formelle
Bearbeitung der Wissenschaft, in welche er organische Ord-
nung gebracht hat. Eben so hat er dazu beigetragen, den
Krieg menschlicher zu machen, wenn er auch, wie gesagt, dies
nur als moralische Pflicht des Gewissens empfohlen hat. Allein
eben die Ungenauigkeit seiner wissenschaftlichen Grundsätze,
die Weihe, welche er nach den Worten des strengen Rechts
den Missbräuchen der Gewalt gab, welche zu seiner Zeit aus-
geübt wurden, und seine auf die Allmacht der Einwil-
ligung gebaute Rechtstheorie, bereitete die weiteren Entwicke-
lungen vor, welche in den folgenden Jahrhunderten unter dem
Schutze seines Namens stattfanden und ihn zum Liebling der
Gewalthaber machten. Dagegen stützt sich auch der Grund-
satz des Contract social von Rousseau, so demokratisch er ist,
ebenfalls auf das System von Hugo Grotius, obwohl Beide in
ihren Folgerungen abweichen. Die Wissenschaft, welche die
Freiheit nicht auf Kosten der Wahrheit liebt, hat diese Grund-
sätze in Ansehung des Innern Staatsrechts bereits verworfen,
und dasselbe geschieht auch mit den Lehren des Hugo Gro-
tius in Ansehung des Völkerrechts.
§. 20. Hobbes und Vico. Das System von Hugo
Grotius über das Völkerrecht wurde von diesen beiden Staats-
männern verworfen.
Hobbes, ein Mann von seltener logischer Schärfe, hat mit
grosser Genauigkeit und Einfachheit die Verhältnisse des Völ-
kerrechts zum Naturrecht entwickelt, wenn auch die Anwen-
dung seiner Theorie zu einer mitunter grausamen Anwendung
in Ansehung des Völkerrechts geführt hat.
Vico, dieser gelehrte Italiener, hat in seiner Neuon Wis-
senschaft (La scienza nuova) nicht, wie man gewöhnlich
glaubt, die Philosophie der Geschichte erfunden; sondern eine
neue Lehre des Völkerrechts. Er will, dass man diese Wis-
senschaft von der Humanität der Nationen und ihrer gemein-