verbreitet haben, die Angelegenheit unter sehr viel ungünstigeren
Verhältnissen geordnet werden muss».*
Ursachen und Folgen der bestehenden Anschauungen und der
positiven Gesetzgebungen sind von so grosser und unausgesetzter
Wechselwirkung, dass sich die aus den ersten Ursachen herausgebildeten ¬
Folgen heute bereits wieder als Ursachen des Fortbestehens
unserer Zustände auf diesem Rechtsgebiete darstellen.
Wenn wir als Ursachen der bestehenden Rechtsunsicherheit vor
allem die Interessen des ärztlichen Standes, seine menschlich begründeten ¬
Schwächen, wie Forschungssucht und Eitelkeit und das soziale
Mistrauen gegen solche, die irgend jemand einmal irrsinnig genanni
hat, hinstellen: so erscheint uns das schlechte, weil oft gesunde
Material zum Studium der Geisteskrankheiten schon als Folge jener
Ursachen. Diese Folge wird aber wieder zur Ursache für die falschen
Prämissen der Heilkunde und für die ungerechtfertigte Verquickung der
Begriffe der Geisteskrankheit und der Gehirn- und Nervenkrankheiten.
Und alle diese Momente, sie sind heute Ursache des Umstandes,
dass ganz falsche gegen das Gerechte, ro bizctoy, verstossende
Prinzipien auf dem Gebiete des Irrenrechtes gelten.
Ich will, um auch meiner Kritik ein System zu unterlegen, zuerst
in kurzen Strichen - nur das Bedeutungsvolle und Charakteristische
herausgreifend — das bestehende Recht der massgebendsten Staaten
skizziren, dann die Ursachen der heute geltenden Gesetzgebungen
behandeln, darauf die Prinzipien, welche aus diesen Ursachen hervorgewachsen -
und bis heute kaum angetastet worden sind, einer Kritik
unterziehen, um endlich auch der schrecklichen Folgen zu gedenken,
welche durch die geltenden Rechte und Anschauungen oft herbeigeführt ¬
worden, und die fortwirken — fortzeugend, wie alles Böse,
alles Unrecht.
A. Das positive Recht.
Wir wollen mit den mangelhaftesten Gesetzgebungen beginnen,
um mit der französischen zu schliessen.
*) Jolly, Irrenpflege in Schönbergs Handb. der polit. Ökonomie, II, S. 561.
**) Eine vollständige Sammlung der europäischen Gesetzgebungen findet sich in
der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie, XIX, Suppl. 1862.