Metadaten : Osenbrüggen, Eduard: ¬Die Ehre im Spiegel der Zeit

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aber  es  wäre  nicht  unpassend,  wenn  dann  in  dem  gerichtlichen
Urtheil  die  Sachlage  dahin  angegeben  würde,  daß  der  Hauptschuldige ¬
  lichtscheu  gewesen  sei  und  sich  nicht  ans  Tageslicht  habe
ziehen  lassen.  Die  ungenügende  Satisfaction,  welche  dem  Betheiligten ¬
  in  der  Bestrafung  des  Redaktors  zu  Theil  wird,  wäre
dadurch  etwas  verstärkt.
Man  wird  diesem  Gedankengange  entgegenhalten  den  Nutzen
der  freien  Presse  und  auf  die  Zweckmäßigkeit  der  Wahrung  des
Redaktionsgeheimnisses  verwiseen,  man  wird  einwenden,  daß  man
sich  trösten  müsse  mit  dem  einer  Erweiterung  über  seinen  Entstehungsgrund ¬
  fähigen  deutschen  Rechtssprichwort:  „Wer  den  bösen
Tropfen  genießet,  genießt  auch  den  guten“  oder  diesen  Satz  in
die  Form  bringen,  in  welcher  wir  ihn  so  oft  für  das  Leben  anerkennen ¬
  müssen:  „Wer  den  guten  Tropfen  genießt,  genießet  auch
den  bösen"
allein  ich  meine  noch,  daß  man  sich  in  der  Gesetzgebung ¬
  und  Praxis  hüten  solle  vor  einer  Karrikatur  der  Schuldlehre. ¬
  Ein  „böser  Tropfen“  ist  es  jedenfalls,  wenn  in  den  Lokalblättern ¬
  die  freie  Presse  oft  zu  einer  frechen  Presse  wird  und  die
in  derselben  besudelte  Ehre  des  Mannes  nicht  auf  den  gebührenden ¬
  Schutz  rechnen  kann.  Eine  Abschwächung  des  Ehrgefühls
ist  dabei  unausbleiblich  und  die  Ehre  zeigt  sich  im  Spiegel  der
Neuzeit  nicht  in  der  Reinheit  und  in  dem  Glanz,  wie  es  der
schöne  Ausspruch  Shakesspeare's,  von  dem  ich  ausgegangen  bin,
verkündet.
Es  fehlt  in  der  Schweiz  nicht  an  öffentlichen  Blättern,
welche  auf  Anstand  halten  und  einen  Leserkreis  voraussetzen,  der
keinen  Gefallen  findet  an  Skandal  und  Verleumdung,  aber  man
findet  auch  Zeitungen,  welche  wie  anderes  Ungeziefer  nur  im
Schlamm  behaglich  sind.  Um  so  mehr  ist  es  die  Pflicht  jener
Blätter,  in  dem  Sinn  aristokratisch  zu  sein,  daß  sie  den  guten
Ton  nicht  aufgeben  und  dadurch  sich  selbst  ehren,  daß  sie  in  den
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