Feuerbach.
die Besonderheit des Gemüthszustandes und des Betragens eines Verbrechers ¬
vor, während und nach der Begehung seiner Missethat; endlich
die in den geheimen Falten der Seele verborgenen Keime der Verbrechen, ¬
die äußerst zarten und feinen Fäden, aus welchen nicht
selten Leidenschaft, Verblendung oder Irrthum das Netz der Lust zusammenweben, ¬
das, wenn ihm der Mensch nicht bei Zeiten vorsichtig
ausweicht, oder seine höheren Kräfte dagegen aufbietet, seinen Willen
nur zu bald umstrickt und ihn alsdann mit unwiderstehlicher Gewalt,
aber in Folge seiner eigenen Schuld, in den schwarzen Abgrund reißt.
Wie die Geschichte einzelner Verbrechen, von der juridischen Seite
zweckmäßig behandelt, für die Aufklärung und Anwendung, selbst für
die Berichtigung und Erweiterung der Rechtswissenschaft nicht geringe
Bedeutung gewinnen kann, so öffnet dieselbe andererseits in der Verfolgung ¬
und Darstellung des geistigen Entwicklungsprocesses strafwürdiger ¬
Handlungen eine reiche Fundgrube der Menschen= und Seelenkenntniß, ¬
und arbeitet dadurch allen jenen Wissenschaften vor, welche
entweder den menschlichen Geist unmittelbar zu ihrem Gegenstande,
oder auf denselben nah oder fern eine Beziehung haben. Von diesen
und ähnlichen Betrachtungen geleitet, machte es sich daher der Verfasser, ¬
während seines Präsidentenamtes, zum erheiternden und bekehrenden ¬
Geschäfte mancher Mußestunden, vorgekommene Criminalfalle, ¬
welche ihm, in rechtlicher oder psychologischer oder in dieser
doppelten Hinsicht, irgend merkwürdig erschienen, nachdem sie ihre
richterliche Erledigung erhalten hatten, auf seinem Studierzimmer
nochmals in genauere Untersuchung zu nehmen, und wenn sie die
Probe hielten, entweder sogleich aus wissenschaftlichem Standpunkte
zu verarbeiten oder zu diesem Behuf für günstige Zeiten auf die Seite
zu legen. Auf diese Weise, nebenbei auch durch Mittheilungen aus
der Registratur anderer Gerichtshöfe, kam er nach und nach in den
Besitz eines nicht unbedeutenden Cabinets seltener Delinquenten=Exempläre, ¬
an welchen nicht nur wichtige Lehren und Begriffe der Wissenschaft ¬
zur Anschauung gebracht, sondern auch manche eigenthümliche
Seltsamkeiten aufgedeckt werden konnten, welche zwar nicht dem blos
am seinen Taglohn arbeitenden Handwerker der Justiz, aber dem
dentenden, zumal für die Gesetzgebungswissenschaft arbeitenden Rechtsgelehrten, ¬
dem Seelenforscher und dem Gerichtsarzte, dem Moralisten
wie dem Pädagogen nicht unwillkommen sein, und hin und wieder
selbst demjenigen, der nur geistige Unterhaltung sucht, einige Befriedigung ¬
gewähren können."
War es in diesen Fällen das Seelenleben des Verbrechers, was
deulerbachs Aufmerksamkeit auf sich zog, und dessen Darstellung die
schönsten Blätter seines Buches füllt, so beschäftigten ihn in einem
anderen Falle die ungewöhnlichen psychologischen Thatsachen, welche an
dem Opfer eines Verbrechens hervortraten. Es ist kaum nöthig, den
Kamen Caspar Hausers zu nennen, um jenes Opfer eines in undurchSringliches ¬
Geheimniß gehüllten Verbrechens zu bezeichnen. Bekannt
sind die persönlichen Beziehungen Feuerbachs zu Hauser; seine Schrift: