Objekt : Kleine Schriften über Strafrecht und Strafprozeß (100)

Feuerbach.
die  Besonderheit  des  Gemüthszustandes  und  des  Betragens  eines  Verbrechers ¬
  vor,  während  und  nach  der  Begehung  seiner  Missethat;  endlich
die  in  den  geheimen  Falten  der  Seele  verborgenen  Keime  der  Verbrechen, ¬
  die  äußerst  zarten  und  feinen  Fäden,  aus  welchen  nicht
selten  Leidenschaft,  Verblendung  oder  Irrthum  das  Netz  der  Lust  zusammenweben, ¬
  das,  wenn  ihm  der  Mensch  nicht  bei  Zeiten  vorsichtig
ausweicht,  oder  seine  höheren  Kräfte  dagegen  aufbietet,  seinen  Willen
nur  zu  bald  umstrickt  und  ihn  alsdann  mit  unwiderstehlicher  Gewalt,
aber  in  Folge  seiner  eigenen  Schuld,  in  den  schwarzen  Abgrund  reißt.
Wie  die  Geschichte  einzelner  Verbrechen,  von  der  juridischen  Seite
zweckmäßig  behandelt,  für  die  Aufklärung  und  Anwendung,  selbst  für
die  Berichtigung  und  Erweiterung  der  Rechtswissenschaft  nicht  geringe
Bedeutung  gewinnen  kann,  so  öffnet  dieselbe  andererseits  in  der  Verfolgung ¬
  und  Darstellung  des  geistigen  Entwicklungsprocesses  strafwürdiger ¬
  Handlungen  eine  reiche  Fundgrube  der  Menschen=  und  Seelenkenntniß, ¬
  und  arbeitet  dadurch  allen  jenen  Wissenschaften  vor,  welche
entweder  den  menschlichen  Geist  unmittelbar  zu  ihrem  Gegenstande,
oder  auf  denselben  nah  oder  fern  eine  Beziehung  haben.  Von  diesen
und  ähnlichen  Betrachtungen  geleitet,  machte  es  sich  daher  der  Verfasser, ¬
  während  seines  Präsidentenamtes,  zum  erheiternden  und  bekehrenden ¬
  Geschäfte  mancher  Mußestunden,  vorgekommene  Criminalfalle, ¬
  welche  ihm,  in  rechtlicher  oder  psychologischer  oder  in  dieser
doppelten  Hinsicht,  irgend  merkwürdig  erschienen,  nachdem  sie  ihre
richterliche  Erledigung  erhalten  hatten,  auf  seinem  Studierzimmer
nochmals  in  genauere  Untersuchung  zu  nehmen,  und  wenn  sie  die
Probe  hielten,  entweder  sogleich  aus  wissenschaftlichem  Standpunkte
zu  verarbeiten  oder  zu  diesem  Behuf  für  günstige  Zeiten  auf  die  Seite
zu  legen.  Auf  diese  Weise,  nebenbei  auch  durch  Mittheilungen  aus
der  Registratur  anderer  Gerichtshöfe,  kam  er  nach  und  nach  in  den
Besitz  eines  nicht  unbedeutenden  Cabinets  seltener  Delinquenten=Exempläre, ¬
  an  welchen  nicht  nur  wichtige  Lehren  und  Begriffe  der  Wissenschaft ¬
  zur  Anschauung  gebracht,  sondern  auch  manche  eigenthümliche
Seltsamkeiten  aufgedeckt  werden  konnten,  welche  zwar  nicht  dem  blos
am  seinen  Taglohn  arbeitenden  Handwerker  der  Justiz,  aber  dem
dentenden,  zumal  für  die  Gesetzgebungswissenschaft  arbeitenden  Rechtsgelehrten, ¬
  dem  Seelenforscher  und  dem  Gerichtsarzte,  dem  Moralisten
wie  dem  Pädagogen  nicht  unwillkommen  sein,  und  hin  und  wieder
selbst  demjenigen,  der  nur  geistige  Unterhaltung  sucht,  einige  Befriedigung ¬
  gewähren  können."
War  es  in  diesen  Fällen  das  Seelenleben  des  Verbrechers,  was
deulerbachs  Aufmerksamkeit  auf  sich  zog,  und  dessen  Darstellung  die
schönsten  Blätter  seines  Buches  füllt,  so  beschäftigten  ihn  in  einem
anderen  Falle  die  ungewöhnlichen  psychologischen  Thatsachen,  welche  an
dem  Opfer  eines  Verbrechens  hervortraten.  Es  ist  kaum  nöthig,  den
Kamen  Caspar  Hausers  zu  nennen,  um  jenes  Opfer  eines  in  undurchSringliches ¬
  Geheimniß  gehüllten  Verbrechens  zu  bezeichnen.  Bekannt
sind  die  persönlichen  Beziehungen  Feuerbachs  zu  Hauser;  seine  Schrift:
            
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