Feuerbach.
einst der gefeierte akademische Lehrer und Begründer einer neuen Theorie,
dann der Gesetzgeber eines der größten deutschen Länder, am Abend
seiner Tage auch den Richterstuhl ausfüllte, gibt seine „Actenmäßige
Darstellung merkwürdiger Verbrechen (Gießen 1828—1829), 2 Bände
ein Buch, das nicht blos keinem Criminalisten fremd sein kann, sondern ¬
als eine seltene Zierde der deutschen Nationalliteratur allen Gebildeten ¬
bekannt sein sollte. Schwerlich gibt es ein anderes, der ungeschmückten, ¬
durch nichts gesteigerten Darstellung von Thatsachen
gewidmetes Buch, dessen Wirkung so nahe kommt derjenigen der
höchsten poetischen Leistungen. Gestalten, wie die der Zwanziger, des
Mädchenschlächters Bichel, Riembauers, des blöden Jörgel, Ereigniss
wie der Vatermord auf der Schwarzmühle im Sittenthale, die Entbeckung ¬
des Raubmörders Rauschmaier durch einen verrätherischen Ring,
oder der „Mord auf der Reise" (Dorothea Blankenfeld), werden Niemand ¬
wieder aus der Seele schwinden, dem sie Feuerbach — in
seiner festen, sicheren Sprache wiedergebend, was seinem scharfen ins
iinerste Herz dringenden Blick sich zeigt — einmal vorgeführt hat.
Feuerbach selbst sagt über die Entstehung des Werkes und über
den Gedanken, der ihn dabei leitete: „Seit nunmehr zehn Jahren an
der Spitze des obersten Gerichtshofes einer aus den verschiedensten
Landestheilen zusammengesetzten städtereichen und vielseitig regsamen
Provinz von mehr als einer halben Million Seelen verschiedener
Religion, dabei als Chef durch seine Pflichten blos auf das Geschäft
der Leitung und Aufsicht hingewiesen, war der Verfasser einer nie
versiegenden, überreichen Quelle merkwürdiger Rechtserfahrungen nahe
gestellt, und ihm dabei die beneidenswerthe Freiheit geblieben, nach
eigener Lust so viel oder so wenig daraus zu schöpfen, als er jedesmal
seinen Bedürfnissen angemessen erachten mochte. So gingen — des
bürgerlichen Rechts hier nicht zu gedenken — fast alle Begriffe und
Sätze der Strafrechtswissenschaft nach und nach in den mannigfaltigsten,
anziehendsten Beispielen gleichsam verkörpert an ihm vorüber, und
machten ihm aus seinem Gerichtssaal zugleich einen Hörsal, worin
ihm gleichsam die Natur selbst in merkwürdigen Erfahrungen ihre
Lehren zu vernehmen gab, und welchen er daher nur selten ohne
mancherlei Ausbeute entweder für die Wissenschaft selbst oder für seine
tlare Einsicht in dieselbe verließ. Was nächst der rechtlichen Seite einer
Strafsache seine Forschung ober, wenn man lieber will, seine Neugier
immer am meisten anzog, war oft gerade dasjenige, was gemeiniglich
entweder ganz außerhalb der Grenzen streng richterlicher Beurtheilung
liegt, oder höchstens nur nebenbei und in einzelnen Punkten ihren
Gesichtskreis berührt: die Beschaffenheit der nicht immer an und für
sich verderblichen, zuweilen sogar löblichen oder edlen Triebfedern,
welche unter gegebenen Umständen, durch das Zusammenwirken entfernter ¬
und naher Veranlassungen, den Willen zu verbrecherischen Entschlüssen ¬
in Bewegung setzen; das eigenthümliche Gemisch von Gefühlen, ¬
Neigungen, Vorstellungen und Gewohnheiten, welche die
Bestandtheile eines durch Verbrechen ausgezeichneten Charakters bilden: