Volltext : Kleine Schriften über Strafrecht und Strafprozeß (100)

A.  Todesstrafe.
Abschaffung  der  Todesstrafe.  Von  Dr.  Albert  Friedrich  Berner,  Professor  der
Rechte  an  der  Universität  zu  Berlin,  Ritter  2c.  (Dresden,  Böttichers
Verlag.
Die  Todesstrafe  nach  den  Ergebnissen  der  wissenschaftlichen  Forschungen,  der
Fortschritte  der  Gesetzgebung  und  der  Erfahrungen.  Geprüft  von  Dr.  C.
C.  J.  Mittermaier,  Geheimrath  und  Professor.  (Heidelberg,  Academische
Verlagshandlung  von  I.  C.  B.  Mohr,  1862.)
(Wochenschrift  für  Wissenschaft,  Kunst  und  öffentliches  Leben.  Beilage  zur  kais.  Wiener  Zeitung,  1862.)
Die  zahlreiche,  über  die  ganze  gesittete  Welt  verbreitete  Gemeinde
Jener,  welchen  die  fortschreitende  Verbesserung  und  Veredlung  der
Strafrechtspflege  am  Herzen  liegt,  wird  in  kurzem  eine  bedeutungsvolle ¬
  Säcularfeier  zu  begehen  haben.  In  wenig  mehr  als  einem
Jahre  wird  es  ein  Jahrhundert,  daß  Beccarias  Buch  „von  Verbrechen ¬
  und  Strafen“  vor  den  Augen  der  entsetzten  Welt  das  Bild
jener  ungeheuerlichen  und  schon  heute  fast  unglaublichen  Mißbräuche
entrollte,  welche  damals,  unter  dem  ehrwürdigen  Namen  der  strafenden
Gerechtigkeit,  aller  Orten  ungescheut  und  ungestört  sich  breit  machten.
Was  Beccaria  damals  bekämpfen  mußte,  ist  zumeist  spurlos  verschwunden; ¬
  was  er  an  positiven  Vorschlägen  für  Verbesserung  des
Criminalwesens  vorbrachte,  ist  jetzt  weit  überboten.  Nur  eine  Frage,
welche  er  zuerst,  oder  doch  unter  den  Ersten,  anregte,  ist  noch  ungelöst.
Ob,  so  wie  die  Folter,  die  Verdachtsstrafe,  die  Entbindung  von  der
Instanz,  die  Verstümmelung,  die  Anschmiedung  in  unterirdischen  Kerkern, ¬
  die  Verschärfung  der  Todesstrafe  beseitigt  wurden,  nun  auch  die
Todesstrafe  selbst  als  gleichartig  mit  ihnen  zu  verschwinden  habe,  oder
ob  sie,  als  vor  der  Vernunft  gerechtfertigt,  auch  in  der  Strafrechtspflege ¬
  einer  humaneren  und  aufgeklärteren  Zeit  einen  (jedenfalls  beschränkteren) ¬
  Platz  einnehmen  könne,  —  diese  große  Frage  beschäftigt  seit
einem  Jahrhundert  die  Geister,  und  rief  —  bald  als  Gefühlssache,
bald  als  religiöse  Angelegenheit,  bald  als  politische  Incidenzfrage  behandelt, ¬
  heute  mit  feierlichem  Ernste  und  achtenswerther  Gründlichkeit
erörtert,  morgen  mit  dem  seichtesten  Geschwätze  leichthin  abgethan,  oder
dem  leidenschaftlichen  Geschrei  der  Menge  verfallen  und  „von  der  Par¬
            
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