G. Adler: Die Sozialreform und der Kaufmannsstand.
daß die Praxis, die Läden regelmäßig und ganz besonders am Sonnabend ¬
bis zu später Abendstunde offen zu halten, bedeutend überwiege; nur
die von den wohlhabenderen Klassen benutzten Läden würden zu verhältnißmäßig ¬
früher Stunde geschlossen; dagegen müßten in den vom Arbeiterstand
frequentirten Geschäften alle Angestellten (einschließlich der jungen
Personen beiderlei Geschlechts) eine lange Reihe von Stunden hindurch,
gewöhnlich 84 bis 85 an den sechs Wochentagen, sich auf den Beinen halten,
was — in stark besuchten und schlecht gelüfteten Läden — die Angestellten
und vornehmlich die Mädchen unter ihnen gänzlich erschöpfen und ihre
Gesundheit oft angreifen, ja ruiniren müßte. — In den Engros-Geschäften
würden die mit dem Verpacken und Aufnotiren beschäftigten Commis oft
bis tief in die Nacht hinein aufgehalten, zumal während der geschäftlichen
Saison. Und diese Arbeit — zu der vornehmlich Lehrlinge und andere
junge Personen verwendet würden — fände noch dazu oft in Kellern statt,
die selbst am Tage der Gasbeleuchtung bedürften. Daher sei auch diese
Arbeit von der Kommission als ganz besonders angreifend und gesundheitsschädlich ¬
befunden worden.
Ferner bemerkte jene Kommission, daß in Läden mit daranstoßenden
Werkstätten junge Personen, die in den letzteren über die gesetzlich vorgeschriebene
Stundenzahl hinaus nicht beschäftigt werden durften, in das Verkaufslokal
hineingerufen wurden, um dort nach Beendigung ihrer Werkstätten=Arbeit noch
verwendet zu werden. —
Endlich gelangte noch zur Feststellung, daß der
äußere Schluß des Geschäfts nicht ein definitiver sei, sondern daß die Angestellten
und besonders die Lehrlinge und jungen Personen nach Schließung der Läden
rückgehalten wurden, um wegzuräumen,
Rechnungen zu schreiben u. dergl. m.
und in vielen Fällen mußten grade diese jungen Personen am Morgen früher
als die andern auf dem Platze sein, um in den Läden Alles für das Tageszurichten. ¬
geschäft he
Die „Early Closing Association“ weist ihrerseits in ihrem Berichte
vom Jahre 1881 nach, daß es — trotz ihrer Bemühungen, die Ladeninhaber zur
Herabsetzung der Arbeitszeit zu bewegen — noch in London allein nicht weniger
als 30,000 Läden mit ungefähr 100,000 Gehilfen, welche Tag für Tag 12 bis
14 Stunden ohne irgend eine Erholung arbeiten müßten, gäbe. Und der
gleiche Zustand sei in andern Städten vorherrschend. So hätten große Massen
von Menschen gar keine Gelegenheit zu gesunder Bewegung, geistigem Fortschritt ¬
und religiöser Erbauung. Hinter zahllosen Ladentischen, ausgeschlossen
von der Oeffentlichkeit, arbeiteten sie sich bis zu den mitternächtlichen Stunden
ab, und oft sogar würden sie, die in der ganzen Woche sich plagten, durch
ihren Beruf gezwungen, bis in den Sonntag Morgen hinein thätig zu sein,
um ihr Wochenpensum zu Ende zu bringen.*)
Die „Shop hours labour league“ schließlich kommt nach einer
ganz überaus gründlichen Enquete — der weitaus umfassendsten, die jemals
irgendwo in Sachen des kaufmännischen Hilfspersonals veranstaltet worden ist zu -
dem Ergebniß, daß von den Detaillisten die Gehilfen der Tuchhändler und
Pfändleiher die kürzeste Arbeitszeit haben, nämlich gewöhnlich von 8 Uhr
*) Blue Book (House of Commons), No. 155. — Separatausgabe des „Report etc.“,
veranstaltet von der „Early Closing Association", London, 1886.
2) Bgl. Lord Brabazon, „The early closing movement“ in „Nineteenth Century“, -
October, 1882, S. 521.