Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Inst
te fo
86
nen, selbst wenn sie sich dem Menschen durch den Sinn
aufdringt, ist ein weit größeres Vermögen als das aufzumerken, -
weil es eine Freyhelt des Denkvermögens und
die Eigenmacht des Geistes beweist, den Zustand seiner
Vorstellungen in seiner Gewalt zu haben (animus sui
compos.) In dieser Rücksicht ist nun das Vermögen
abzusehen viel schwerer aber auch wichtiger als das der
Aufmerksamkeit. Viele Menschen sind unglücklich, weil
sie nicht absehen können. Der Freyer könnte eine gute
Heirath machen, wenn er nur über eine Warze im Gesicht -
oder über eine Zahnlücke seiner Geliebten wegsehen
könnte. Es ist aber eine besondere Unart unserer Aufmerksamkeit -
grade das, wus fehlerhaft an andern ist,
auch unwillkührlich zu beachten: seine Augen auf einen
dem Gesicht gerade gegen über am Rock fehlenden Knopf,
oder einen angewöhnten Sprachfehler zu richten und den
andern dadurch zu verwirren, sich selbst aber auch im
Umgang das Spiel zu verderben." Daher auf einet Seite
die Macht der Kleinigkeiten über das Gemüth auf der
andern Seite die große Wichtigkeit dieser Selbstbeherrschung. -
Kleinigkeiten wie z. B. ein an sich unbedeutender
aber fixer Schmerz werden bedeutend, wenn sie unwillkührlich -
die Aufmerksamkeit immer von neuem anregen und
so die Gegenwehr der Besonnenheit immer von neuem auffordern -
und endlich ermüden. Und leicht wird klär, wie
bedeutsam diese Macht der Selbstbeherrschung im Abseben -
von Vorstellung, Lust und Begierde wird zur Dämofung -
von Gemüthsbewegung und Leidenschaft, zur Erhaltung -
der Seelenruhe. So müssen wir der Trauer
und dem Verdruß widerstehen, aber oft auch der Freude,