Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Aeußerer Sinn. 
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nen Sinn, und ob sie mehrere Sinne zugleich afficiren. Weil aber 
jeder Sinnesnerv nur für eine ganz besondere Art von Empfindungen orga¬ 
nisirt und der einem andern Sinne angehörenden Empfindung unfähig ist, 
so besteht damit, daß derselbe Gegenstand auf mehrere Sinne zugleich wir¬ 
ken kann, sehr wohl, daß er in diesen Sinnen nur solche Empfindungen 
hervorbringen könne, welche jedem dieser Sinne eigenthümlich sind. So kann 
Druck und Stoß zwar allerdings auf Getast, Gesicht und Gehör zugleich ein¬ 
wirken; aber er kann im Getaste nur ein Gefühl des Widerstandes, im Auge 
nur Lichtempfindungen, im Ohre nur Schallempfindungen erzeugen. Schon hier 
aus geht hervor, daß eine Stellvertretung des einen Sinnes durch einen andern 
für die unmittelbare Empfindung nicht möglich ist, womit besteht, daß der eine 
für den fehlenden andern wohl einigen Ersatz liefern, auch der eine den andern 
wohl unterstützen kann. Aber nicht allein äußere Reize können eine ihnen ent¬ 
sprechende Empfindung veranlassen, sondern es kann jeder äußere Reiz auch durch 
einen innern vollständig vertreten werden. So kommt das Empfindbare des 
Gesichtssinnes, Farbe, Licht, Dunkel auch oft ohne äußere Einwirkung zur Em¬ 
pfindung, und es ist bekannt, wie leicht man selbst bei geschlossenen Augen die 
schönsten Farben sieht. Dasselbe gilt von den Gehörempfindungen: so tritt bei 
gereiztem Zustande des Gehörnerven nicht selten die Empfindung eines Klin¬ 
gelns, Brausens, Schellens, Läutens ein. Andrang des Blutes nach dem Kopfe 
bringt Flimmern vor den Augen, Sausen und Klingeln in den Ohren hervor: 
Verstimmung der Nerven erzeugt ekelhafte Geruchs= und Geschmacksempfindun 
gen, das Gefühl des Schmerzes, der Wärme und der Kälte. Solche Empfindun¬ 
gen finden sich nicht etwa bloß im krankhaften Zustande, sondern auch bei vol¬ 
lendetem Bewußtsein, weshalb es unrichtig ist, sie, wie es oft geschieht, ent¬ 
weder für Sinnestäuschungen, oder für bloße Producte der erhitzten Ein¬ 
bildungskraft zu erklären, sondern es haben diese Erscheinungen lediglich darin 
ihren Grund, daß die normale Ursache hier durch eine abnormale vertreten wird. 
Bemerkt muß indeß hier noch werden, daß der Unterschied zwischen äußern und 
Aus dem Gesagten bemerken wir uns 
— 
innern Reizen nur ein relativer ist. 
folgende drei physiologische, Lehrsätze: 1) Jeder beliebige Reiz, welcher einen 
Nerven in Thätigkeit zu setzen vermag, ist fähig, die diesem eigenthümliche Em¬ 
pfindung zu erregen. 2) Jeder Sinnesnerv ist nur für eine bestimmte Art von 
Empfindungen organisirt und besitzt eine eigenthümliche Energie, vermöge welcher 
er der Empfindung eines andern Sinnesnerven unfähig ist, so daß eine Stell¬ 
vertretung des einen Sinnes durch einen andern davon verschiedenen für die 
unmittelbare Empfindung nicht stattfinden kann. 3) Alle diejenigen Empfindun¬ 
gen, welche äußere Reize in uns hervorrufen, können auch durch innere Reize 
auf dieselbe Weise in denselben Organen entstehen.
	        
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