Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Der Sinn. 
eben darum, weil es über sich selbst keine genaue Rechenschaft abzulegen vermag 
und in ihm kein geistiger Inhalt vorkommt, nie zur Grundlage einer wissen¬ 
schaftlichen Untersuchung gemacht, bezüglich nicht dazu benutzt werden darf, um 
aus ihm die einzelnen Sinnesthätigkeiten abzuleiten. Im Gemeingefühle nimmt 
die Seele zwar alle auf sie gemachten Eindrücke auf, aber gleichsam schwebend 
über allen und keiner einzigen Empfindung ganz gegenwärtig; die Seele empfin¬ 
det hier nicht sowohl mit diesem oder mit jenem Sinne, sondern es tritt der 
ganze Organismus als Vermögen der Empfindung, als Concentration des Sin¬ 
nenlebens und als theilweises Zurücktreten desselben in das Allgemeine auf, wo¬ 
bei besteht, daß die Gemeinempfindung vorerst noch eine solche sein kann, in 
welcher der eine oder der andere Sinn noch ungeschwächt, oder gar in gesteiger¬ 
tem Grade sich bethätigt. Hier sind also auch Zustände möglich, von welchen die 
Seele im gewöhnlichen Zustande keine Vorstellungen hat und für welche die an 
die besondern Sinne gebundene Einbildungskraft keine Bilder besitzt. Die Leb¬ 
haftigkeit des Gemeingefühles ist an jedem Punkte des Leibes verschieden, je 
nachdem er an Nerven reicher oder ärmer ist und diese in einer unmittelbaren 
oder mittelbaren Verbindung mit dem Gehirne stehen. Das Gemeingefühl hat 
man auch wohl das Lebensgefühl, oder den Vitalsinn, auch den Ge¬ 
meinsinn (sensus communis) genannt, welcher jedoch weder verwechselt wer¬ 
den darf mit dem gesunden Menschenverstande und einem aus dessen Aus¬ 
sprüchen hervorgehenden allgemeinen übereinstimmenden Urtheile der Menschen, 
noch mit dem vorgeblichen, jedenfalls nicht den Sinnen angehörenden Vermögen, 
das Nahe wie das Ferne, das Zukünftige und Vergangene wie das Gegen¬ 
wärtige anschauend zu erfassen. 
2. Die allgemeinen Formen des sinnlichen Anschanens. 
(Raum und Zeit.) 
§ 8. 
Die Gegenstände, welche wir sinnlich anschauen, haben insgesammt das 
miteinander gemein, daß sie uns entweder in dem Raume, oder in der Zeit, 
oder in beiden zugleich, bezüglich an einem von unserer Willkür unabhängi¬ 
gen bestimmten Raumtheile oder Zeittheile erscheinen. Wir finden nämlich die 
angeschauten Objecte entweder 1) als Ausdehnungen: ihre Bedingung ist 
der Raum, nämlich das Weite, Leere, Offene, in welchem Alles über einander, 
neben einander, aus einander ist. Oder wir finden sie 2) als Veränderungen: 
ihre Bedingung ist die Zeit: nämlich das, in welchem Alles gegenwärtig, ver¬ 
gangen oder zukünftig ist. Raum und Zeit sind subjectiv, als nothwendige
	        
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