Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Erklärung des Sinnes. § 7. 
sich, weshalb sich mit allen unsern bewußten Vorstellungen äußerer Objecte auch 
ein geistiger Antheil verbindet, so wie auch umgekehrt bei unsern Vorstellungen 
innerer Objecte ein leiblicher Antheil nicht zu verkennen ist. Der reine Geist 
(Gott oder Engel) hat keinen Sinn: was wir vermittelst des Organs schauen, 
schaut er unmittelbar an, was uns nur im Augenblicke der Wahrnehmung ge¬ 
genwärtig ist, das ist ihm immer gegenwärtig: sein Erkenntnißvermögen ist schlecht¬ 
weg Intelligenz vermittelst intellectueller (denkender) Anschauung. Der 
menschliche Sinn ist somit das Vermögen der Anschauung und Wahrnehmung 
eines gegebenen (äußern oder innern) Objectes, wie diese Anschauung und Wahr¬ 
nehmung einem aus Körper und Geist zusammengesetzten Wesen eigenthümlich ist. 
Weil bei unsern Sinnenvorstellungen eine größere Empfänglichkeit der Seele für 
diese Vorstellung und gewöhnlich auch eine größere Unverfälschtheit derselben statt¬ 
indet, als dieses bei andern Vorstellungen der Fall ist, so hat man im figür¬ 
lichen Sinne auch wohl eine gewisse Empfänglichkeit, ein gewisses Gefühl 
und ein darauf fußendes richtiges Urtheil einen Sinn genannt und so von ei¬ 
nem Sinne für das Wahre, Gute und Schöne geredet. Für die nächste Begrün¬ 
dung der Sinnesthätigkeit, zumal der äußern, für die gemeinsame Wurzel aller 
einzelnen Sinne und gleichsam den Born, aus welchem sich die besonderen Sinne 
individualisiren, wird das sogenannte Gemeingefühl ausgegeben, und man 
versteht darunter das sich selbst offenbar werdende leibliche Leben 
oder ausführlicher: das Innewerden der organischen Individualität, nämlich des 
eigenen lebendigen Leibes als eines einigen Ganzen nach seinem Dasein und nach 
der Art seines Daseins oder seiner Zustände. Die Vereinzelungen, durch welche 
der Leib in mannigfaltigen Theilen und Thätigkeiten sich materiell verwirklichet 
hat, werden durch das Gemeingefühl miteinander vereinigt, so daß sich dieses 
dem Einzelnen gegenüberstellt und sich selbst Gegenstand wird. Die Thätigkeiten 
also, in welche die dem Leibe zu Grunde liegende geistige Kraft sich aus einan¬ 
der gelegt hat, werden durch das Gemeingefühl in ihre ursprüngliche Einheit 
zurückgeführt, wie die durch ein Prisma gebrochenen farbigen Lichtstrahlen durch 
ein anderes wieder zu einem farblosen Lichte verschmolzen werden können*). 
Das Gemeingefühl ist die erste und gemeinartigste Aeußerung der Seele, die 
elbst dem niedrigsten Thiere, sogar dem Polypen, nicht fehlt, mit dessen Vor¬ 
handensein auch noch immer Leben vorhanden ist und mit dessen Aufhören auch 
das Sinnenleben selbst aufhört und dem Tode verfällt: es tritt besonders dort 
zu Tage, wo der Selbsterhaltungstrieb des Thieres herausgefordert wird; es ist 
das Dunkelste, Unbestimmteste, Schwankendste, Veränderlichste im Menschen, was 
*) Vgl. Burdach: Blicke ins Leben Thl. I. S. 84. 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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