Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Der Sinn. 
ist, zwar nicht seines Seins, wohl aber seiner eigenen und fremder Erschei¬ 
nungen inne zu werden, so legen wir dem Thiere Sinne (d. i. Ver¬ 
mögen, inne zu werden) bei. Unter Sinn im Allgemeinen verstehen wir also das 
Vermögen, wodurch die Natur inne wird, d. h. ein Wissen von sich selbst zu erlangen 
strebt, oder ausführlicher: das Vermögen, in Folge einer Erregung 
oder eines Reizes zur Vorstellung eines gegenwärtigen, in Raum 
oder Zeit befindlichen Gegenstandes zu gelangen. Unter Reiz ver¬ 
tehen wir Alles, was eine Veränderung oder einen Zustand in dem sinnlichen 
Subjecte bewirken kann. Der Reiz kann sein entweder eine Materie oder eine 
Vorstellung; jene reizt durch ihre bewegende, diese durch ihre vorstellende 
Kraft. Daß auch Vorstellungen, wie Furcht, Hoffnung, überhaupt Affecte und 
Leidenschaften Reize sein können, ist aus unmittelbarem Selbstbewußtsein gewiß 
genug, und es ist die Erklärung dieses Phänomens nicht leichter oder schwerer, 
als die Erklärung des andern, daß auch Materie reizen kann. Die Reize durch 
Vorstellungen sind innere, die durch Materie äußere Reize, und diese sind 
entweder solche, die in dem Körper selbst liegen und dann relativ innere heißen, 
oder solche, die außer dem Körper vorhandene Materien sind. In letzter Instanz 
sind die Reize immer äußere Reize. Die durch die äußere Einwirkung einmal 
empfangenen Reize theilen sich zunächst dem Körper mit und geben diesem eine 
ihnen entsprechende Disposition; auch gehen sie von selbst in die durch sie zu Stande 
gekommenen Vorstellungen über, weshalb auch bloße Vorstellungen von äußern 
Gegenständen ohne Einwirkung ihrer Objecte reizen können. Ein kräftiges äußeres 
Anschauungsvermögen ist zwar allerdings eine günstige Vorbedeutung einer ent¬ 
sprechenden geistigen Begabung: doch findet sich auch nicht selten ein ausgezeich¬ 
neter Verstand neben schwachen Sinnesfunctionen und umgekehrt, wie denn auch 
die Erfahrung lehrt, daß der Geist im Greisenalter oft an Weisheit zunimmt, 
obgleich die Sinnesfunctionen in der Abnahme begriffen sind. Die eigentliche 
Natur des Sinnes besteht darin, daß er vorstellender und empfindender 
(repräsentativer und sensitiver) mit einem Worte wahrnehmender (gewahrwerden¬ 
der) Natur ist, d. h. daß er sich auf ein gegenwärtiges, in Raum und Zeit ge¬ 
gebenes, individuelles Object bezieht und seine Wirksamkeit mit einem Gewahr¬ 
werden dieses individuellen Objectes verbunden ist. Hierdurch unterscheidet sich 
der Sinn wesentlich von dem Denkvermögen, welches mehr im Allgemeinen und 
Abstracten waltet, weniger an die Bestimmungen des Raumes und der Zeit ge¬ 
bunden ist und nur vermittelst des Sinnes mit dem (sinnlichen) Objecte in Ver¬ 
bindung steht. Auf dem Gebiete des Naturlebens ist der Sinn die höchste, auf 
dem Gebiete des geistigen Lebens ist er die niedrigste Potenz: in seiner Vollen¬ 
dung (als äußerer und innerer Sinn) ist er nur möglich in einem Wesen, wel¬ 
ches eine körperliche und eine geistige Natur in sich vereinigt. Hieraus begreift
	        
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