Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Erste Abtheilung. 
Das Anschauungs=Vermögen. 
Begriff und Arten desselben. 
§ 6. 
Das Wort Anschauung kommt offenbar von Schauen her und bedeutet 
somit ursprünglich eine Gesichtsvorstellung, allerdings eine aufmerksamere und 
bedächtigere. Wo wir aber einen Gegenstand durch das Gesicht wahrnehmen, da 
haben wir jedesmal eine uns durch den Sinn und zwar durch den Gesichtssinn 
aufgenöthigte Vorstellung eines äußern Bildes. Da nun der Gesichtssinn unter 
allen Sinnen die meiste sinnliche Klarheit und Objectivität hat, so hat man 
weiterhin nach einer bekannten Redefigur jedwede uns durch den Sinn aufgenö¬ 
thigte Vorstellung eine Anschauung genannt. Die Anschauung, als eine bloß 
objective Vorstellung, steht hier der subjectiven Vorstellung oder dem Begriffe 
entgegen, d. h. die Anschauung steht entgegen derjenigen Vorstellung des ange¬ 
schauten Objectes, welche die Seele, nachdem die Anschauung vorhanden ist, 
selbstthätig bildet, welche der Seele selbst angehört und ihr eigen ist. So ist die 
mir durch das Gesicht aufgedrungene Vorstellung dieser bestimmten Ausdehnung, 
dieser bestimmten Form, dieser bestimmten Farbe in der Ecke der Stube eine 
Anschauungsvorstellung oder eine objective Vorstellung; die mir selbst ange¬ 
horende Bearbeitung jener Vorstellung bis zur Vorstellung eines Ofens eine Be¬ 
griffsvorstellung, oder eine subjective Vorstellung. Die Anschauung ist also 
bloß Natur=Vorstellung, die auch dem Thiere eigen ist, und nur in der Erschei¬ 
nung weilt, wogegen der Begriff dem Geiste selbst angehört, einen geistigen 
Fackor hat, und nicht bloß die Erscheinung, sondern auch das Sein erfaßt. End¬ 
lich hat man auch noch eine jede andere der sinnlichen Anschauung ähnliche, ihr 
nachgebildete Vorstellung eine Anschauung genannt. Anschauung bedeutet also 
1) eine Vorstellung durch den Gesichtssinn; 2) jede Vorstellung durch den Sinn. 
den außern und den innern; 3) jede einer sinnlichen Vorstellung nachgebildete 
Vorstellung, also nicht allein jede Vorstellung durch den Sinn, sondern auch durch 
die Stellvertreterinn des Sinnes, nämlich durch die Einbildungskraft. Alle An¬ 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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