Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Begriff der Wahrheit. § 75. 
Urtheil und zwar ein Werk der Vernunft. Und da das Wahrheitsurtheil 
wenigstens da, wo es ein vernünftiges ist, nothwendig auf Gründen und zwar 
auf zureichenden Gründen beruht: so wird auch hier wiederum klar, daß man 
die Natur der Vernunft sehr richtig bezeichnen kann als das Vermögen des 
Geistes, über Wahrheit und Wirklichkeit zu entscheiden. 
Die Verwechslung der Wahrheit mit der Falschheit und umgekehrt heißt Irr¬ 
thum: eben darum, weil der Mensch als ein in seiner Erkenntniß beschränktes 
Wesen die Wahrheit mit der Falschheit verwechseln kann, ist er auch dem 
Irrthume unterworfen. Somit ist die menschliche Vernunft auch eine fehl¬ 
bare, d. i. eine solche, welche über die Möglichkeit des Irrthums nicht erhaben ist. 
Die Fehlbarkeit der Vernunft haben wir uns aber nicht so zu denken, als wenn 
die Vernunft selbst ein Princip der Falschheit in sich trage und nur 
zum Irrthume eingerichtet sei, wenigstens über Wahrheit und Wirklichkeit nicht 
mit Zuverlässigkeit entscheiden könnte, unter welcher Voraussetzung der Mensch zu 
gar keiner zuverläßigen Erkenntniß jemals gelangen könne: gegentheils muß jede 
Vernunft da, wo sie in der That Vernunft ist, sich über die Gefahr des 
Irrthums erhaben glauben*). Selbst im Irrthume pflegt der Mensch dennoch 
ein hohes und angestammtes Interesse für die Wahrheit zu beurkunden: sind doch 
ehr viele der menschlichen Irrthümer, insofern sie theoretisch sind, nur mi߬ 
verstandene Wahrheiten und insofern sie practisch sind, nur mißverstandene Tu¬ 
genden. So wie Wahrheit und Falschheit, so ist auch Irrthum nur im Urtheile 
möglich; denn wo gar nicht geurtheilt wird, da ist auch kein Irrthum denkbar. 
Dem Irrthume geht immer ein Schein voran, und dieser besteht darin, daß 
von Gegenständen, die (relativ) einerlei sind, verschiedene, und von Gegenständen, 
die (relativ) verschieden sind, einerleie Vorstellungen ins Bewußtsein treten. Der 
Schein geht wirklich in Irrthum über, wenn wir uns durch ihn bestimmen las¬ 
sen, falsche Urtheile zu fällen und sie doch für wahre zu halten. Schein und Irr¬ 
thum gehen im Allgemeinen hervor aus der Beschränktheit der menschlichen Na¬ 
für überhaupt und des Erkenntnißvermögens insbesondere, und sie entspringen 
zunächst entweder a) aus natürlicher Schwäche, insbesondere aus Dumm¬ 
heit, wenn der Mensch eine natürlich schwache Urtheilskraft hat; oder b) aus 
Mangel an Uebung, insbesondere aus Ungeschicklichkeit im Denken, wenn 
seine Urtheilskraft nicht geübt genug ist; oder c) aus Mangel an Aufmerk¬ 
amkeit, insbesondere aus Uebereilung und Gedankenlosigkeit, bezüglich durch 
Zerstreuung, Abmattung oder plötzliche Unterbrechung derselben. Die Irrthümer 
sind entweder theoretische oder practische, je nachdem sie entweder bloß auf 
*) Intellectus humanus in primis principiis non errat, sed in conclusionibus inter¬ 
dum, ad quas ex primis ratiocinando procedit. Thomas Aq. Contr. Gentil. I. 61. 3. 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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