Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Erkenntnißvermögen, 
gegenüber stehe. Die Gewißheit gibt somit der Wahrheit erst ihre Vollendung 
und die bloße Wahrheit der Erkenntniß wäre für uns das gleichgültigste Ding 
von der Welt, wenn wir nicht auch zur Ueberzeugung darüber gelangen könnten, 
daß unsere Erkenntniß eine wahre sei. Alle Frage nach Wahrheit der Erkenntniß 
verwandelt sich also von selbst in die Frage nach Gewißheit von der Wahrheit der 
Erkenntniß. Der Wahrheit steht entgegen die Falschheit, und diese ist Nicht¬ 
übereinstimmung oder Disharmonie der Erkenntniß mit dem Erkannten. Ob der 
Begriff der Wahrheit in dem angegebenen Sinne auch real sei, d. h. ob die 
Wahrheit in dem angegebenen Sinne von dem Menschen erreichbar sei, ist eine 
Frage, welche die Metaphysik zu beantworten hat: ist sie nicht bejahend zu be¬ 
antworten, so ist die Wahrheit für den Menschen eine Sache, von welcher er 
höchstens eine Vorstellung hat. Nach obiger Erklärung der Wahrheit in 
ihrem alten gewöhnlichen Sinne schließt die Wahrheit die Wirklichkeit in sich 
ein und hat sie für sich auch thatsächlich zur Bedingung und Voraussetzung: 
darum kann die Entschiedenheit über die Wahrheit der Erkenntniß niemals wei¬ 
ter reichen, als die ihr zu Grunde liegende Wirklichkeit reicht; darum hebt auch 
alle Frage nach Wahrheit mit der Frage nach Wirklichkeit an, und darum ver¬ 
steht sich mit der Bejahung dieser die Bejahung jener von selbst. Das Vermögen, 
über die Uebereinstimmung der Erkenntniß mit dem Erkannten zu entscheiden, heißt 
in Absicht auf die Erkenntniß das Wahrheits= und in Absicht auf das Erkannte 
das Wirklichkeitsvermögen. Man hat dieses Vermögen auch nicht unpassend 
das Anerkennungsvermögen genannt, indem dadurch die Wahrheit eines Ur¬ 
theils anerkannt und ihm selbst Wahrheit zuerkannt wird. Man hat un¬ 
terschieden Gefühl des Wahren und Erkenntniß des Wahren, je nach¬ 
dem die Entschiedenheit auf dunkeln oder doch halbklaren, oder auf klaren und 
deutlichen Vorstellungen beruht. Aus der zweiten Quelle entspringen die Urtheile 
des Mathematikers oder des Psychologen über Gegenstände ihrer Wissenschaften; 
aus der ersten die meisten Urtheile des gemeinen Mannes über Wahrheit und 
Falschheit, Anständigkeit oder Unanständigkeit, Recht oder Unrecht. Das Wahrheits¬ 
gefühl hat vor der Wahrheitserkenntniß seiner Dunkelheit ungeachtet insofern einen 
Vorzug, als es oft natürlicher, schlichter, unbefangener, vorurtheilsfreier und 
unbestechlicher ist. Doch ist auch das Wahrheitsgefühl ohne alle und jede Er¬ 
kenntniß nicht möglich. Wahrheit und Falschheit können offenbar nur gesucht wer¬ 
den im Urtheile; denn wo gar nicht geurtheilt wird, kann weder von Wahr 
heit noch von Falschheit die Rede sein. Umgekehrt ist aber auch jedes Urtheil 
entweder wahr oder falsch. Wo wir aber einem Urtheile Wahrheit oder Falschheit 
zulegen, da gehen wir immer über das Urtheil selbst hinaus, wir bestätigen das 
Urtheil oder wir bestätigen es nicht, und wir führen uns die Gründe vor, auf 
welchen das Urtheil beruht: das Wahrheitsurtheil ist somit ein synthetisches
	        
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