Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

327 
Begriff der Wahrheit. § 75. 
ectivitäten auf Leben und Tod ist hier auf die Dauer unvermeidlich, wobei am 
Ende der Pöbel mit starker Faust den Ausschlag geben muß. Dort gibt es nur 
eine einzige Wahrheit, hier gibt es der Wahrheiten so viele, als es erkennende 
Subjecte gibt: dort bleibt die Wahrheit ewig eine und dieselbe, hier nimmt sie 
alle Tage eine andere Gestalt an. Nur der erste Begriff der Wahrheit hat den all¬ 
gemeinen Sprachgebrauch sowohl als das allgemeine und alleinige 
Interesse des Menschen für Wahrheit zu seiner Grundlage, wogegen der zweite 
sowohl den Sprachgebrauch, als das allgemeine menschliche Interesse für Wahr¬ 
heit wider sich hat: dieser benimmt der Wahrheit allen eigentlichen Werth und 
bezeichnet sie als ein Ding, welches bei allem Erkennen sich von selbst einfinden 
muß, sich von selbst versteht und woran keinem Menschen, wo es sich um Wahr¬ 
heit handelt, etwas gelegen ist. Wahrheit ist also Uebereinstimmung der Erkennt¬ 
niß mit dem Erkannten und des Erkannten mit der Erkenntniß. Dieser Begriff 
der Wahrheit hat auch in der Wissenschaft bis auf die neueste Zeit, nämlich 
bis auf Kant, immer als der einzig richtige gegolten; denn nicht über den 
Begriff der Wahrheit, sondern nur über die Wege, auf denen sie erreichbar 
ist, hat man gestritten. Nach der alten Erklärung schließt also die Wahrheit in 
sich ein 1) eine Erkenntniß; 2) ein Erkanntes; 3) eine Uebereinstimmung zwi¬ 
chen beiden. Die Uebereinstimmung der Erkenntniß mit dem Erkannten ist aber 
nicht zu denken als Identität beider, so daß Erkenntniß und Erkanntes 
eins und dasselbe sein müßten: gegentheils hörte mit der Identität der 
Erkenntniß und des Erkannten alle menschliche Erkenntniß auf und von der 
Wahrheit der Erkenntniß kann nur in so fern die Rede sein, daß gefragt 
wird; ob es zu der Vorstellung ein reales, von der Vorstellung selbst verschie¬ 
denes Vorgestellte gebe und ob die Vorstellung subjectiv so beschaffen sei, wie 
das Vorgestellte objectiv beschaffen ist und umgekehrt. Die Wahrheit hat somit 
weder einen bloß subjectiven, noch einen bloß objectiven Character, sondern sie 
hat einen subjectiven und objectiven Character zugleich. Nur dadurch, daß der 
Mensch Vernunftwesen und als solches im Stande ist, nach Gründen zu 
ragen und nach Gründen zu entscheiden, ist der Mensch auch der Entschie¬ 
denheit über Wahrheit fähig, wogegen alle Wahrheitsfrage nicht allein über 
den Vorstellungskreis des Thieres, sondern selbst über das Denken des blo¬ 
ßen Verstandes hinausliegt.*) Die Wahrheit der Erkenntniß ist noch nicht so¬ 
fort Gewißheit der Erkenntniß, sondern die Erkenntniß ist schon dann 
wahr, wenn sie mit ihrem Objecte übereinstimmt, wogegen sie erst. dann 
gewiß ist, wenn über sie das neue Urtheil gebildet werden muß, daß ihr 
in der That ein solches wirkliches Object, wie es in der Vorstellung erscheint, 
*) Non est iudicium veritatis in sensibus. (S. Augustin.) 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer