Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Die Schrift. § 74. 
den oft durch Gewöhnung, ihre Gedanken niederzuschreiben, gründlich gebessert. 
Darum hat auch die Schrift, dem Worte gleich, eine so große Macht über den 
Menschen. So hat das geschriebene Gesetz eine ganz andere Bedeutung, als 
das bloße Herkommen. So hätte die Draconische oder die Decemviralgesetzge¬ 
bung über das Connubium, nach welchen die Ehe zwischen Patriciern und Ple¬ 
bejern verboten war, gewiß als weniger strenge gegolten, wenn dasjenige, was 
schon längst im Gebrauche gewesen war, durch die Schrift nicht einen 
stehenden Character erhalten hätte. Wie wichtig aber auch die Schrift 
für die mannigfaltigen Zwecke und Bedürfnisse des menschlichen Lebens 
sein mag, jedenfalls darf auf dieselbe nicht ein gar zu großes Gewicht 
gelegt werden. Schon der ägyptische König Thamos befürchtete, daß die 
Erfindung der Buchstabenschrift leicht dazu dienen könne dem Gedächt¬ 
nisse seine Energie zu benehmen und eine eingebildete Schulweisheit zu veran¬ 
lassen *). „Die Lesung der Schriften der Weisen,“ sagt Plato im Phädrus, 
„weit entfernt, daß sie die Menschen erleuchten, weiser machen und sie die 
Wahrheit lehren sollte, dient (öfters) nur dazu, sie in die Irre zu führen, indem 
ie mit falschen Begriffen eigener Weisheit sie bethört. Lesen sie ohne Beistand 
eines Lehrers, der sie unterrichtet und sie leitet, so werden sie unterrichtet schei¬ 
nen oft aber im Grunde nur unwissend sein“. So ist insbesondere die Bibel, 
deren wichtigster Theil zufälligen Umständen ihr Dasein verdankt, ohne 
Beistand eines Lehrers gerade das schwierigste, das dunkelste, das gefährlichste 
Buch. Der König von Siam warf daher, als er ein christliches Buch lesen 
hörte, es bei Seite und sagte: „Laßt die Lehrer gehen und diese Bücher um¬ 
hergeben, kein Mensch in meinem Königreiche kann sie verstehen.“ Darum wird 
auch die bloße Verbreitung der Bibel wenig nützen. Ueberhaupt läßt sich 
fragen, ob ein Buch, wenn es nicht etwa die Elemente der Geometrie enthält, 
möglich sei, welches alle Menschen ohne Unterschied verstehen könnten, bei wel¬ 
chem sie sich alle dasselbe denken müßten und welches in Ansehung der Wahr¬ 
heit seines Inhaltes in keiner Beziehung einen Zweifel übrig ließe: wenigstens ist 
die Bibel ein solches Buch nicht. Gibt es doch kaum einen Unsinn, dessen Bestäti¬ 
gung man nicht in der Bibel hat finden wollen**). Darum ist es wohl zu berücksich, 
tigen, was Fichte sagt: „Zum ersten Male in der Welt ward durch die Reformation, 
welche weit entfernt war, den wahren Grund der Entartung des Christenthums 
zu entdecken, ganz förmlich ein geschriebenes Buch als höchster Entscheidungs¬ 
grund aller Wahrheit und als der einzige Lehrer des Weges zur Seligkeit auf¬ 
*) Plat. Phaedr. extr. 
*) 
In dem Annulus Platonis (Berlin u. Leipzig 1781) heißt es: Das göttliche Wort Fiat! 
würde zu einem dicken Dampfe und daraus entstanden successive alle übrigen Dinge: die 
h. 
Schrift bestätigt diesen Satz. Vgl. Lichtenberg. Verm. Schriften IV., 325 u. 331. 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschun
	        
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