Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Erkenntnißvermögen. 
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Worte zu denken, darum wird das lebendige Wort niemals durch die Schrift 
ersetzt, wie sich dieses bei allen unsern Autodidacten und noch weit mehr bei den 
Taubstummen zeigt. Sehr richtig ist daher und der größten Beherzigung wür¬ 
dig, was Goethe sagt: „Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache; stille für 
sich lesen, ein trauriges Surrogat der Rede.“ Indeß bedürfen wir dieses Sur¬ 
rogates nun einmal. Das gesprochene Wort, auch die gewaltigste Stimme des 
Redners, ist in die engsten Grenzen des Raumes und der Zeit gebannt, die 
Schrift triumphirt über Raum und Zeit, hier berühren sich die entferntesten 
Zeiten und Geschlechter, hier haben wir ein Mittel, um jeden Gedanken, jede 
Erfahrung zur allgemeinen Kunde zu bringen und alles, was Werth und Wich¬ 
tigkeit hat für den Menschen ungeachtet der mannigfaltigsten Stürme und Be¬ 
wegungen, denen die Welt und die Menschheit ausgesetzt ist, über den ganzen 
Erdkreis und über Jahrtausende zu verbreiten. Große Staaten sind untergegan¬ 
gen und die Trümmer, unter denen sie begraben liegen, geben Zeugniß von der 
Vergänglichkeit alles Irdischen: aber viele Schriftwerke aus dem Alterthum sind 
noch vorhanden und sind glorreich hindurchgegangen durch die Verwüstungen 
der Barbarei und der Unwissenheit, um noch nach Jahrtausenden mit jugend¬ 
licher Frische die Menschen zu belehren, zu erfreuen und für Wahres, Gutes 
und Schönes zu kräftigen *). Nämlich, wie vortrefflich Johannes von Müller 
sagt: „Scepter brechen, Waffen rosten, der Arm des Helden verweset, aber 
was in den Geist gelegt ist, das ist ewig.“ Doch ist die Sprache auch mehr 
als bloßes Surrogat der Rede. Nur die Schrift kann Uebereinstimmung 
und Regelmäßigkeit in die Sprache bringen: ohne alle Schrift gibt es kaum 
eine Sprache. So wie das Sprechen nicht möglich ist ohne ein Denken, 
so wird auch das Sprechen durch die Schrift sehr unterstützt und erleich¬ 
tert. Das Schreiben ist gleichsam eine Probe des Denkens: was man nicht 
schreiben kann, hat man auch nicht vollständig gedacht. Durch das Schreiben 
wird der Gedanke klarer und heller; man stößt dadurch auf früher nicht ge¬ 
ahnte Bedenklichkeiten; man sieht, was dem Gedanken noch fehlt, damit er sich 
Flüchtige und flatterhafte Menschen wer¬ 
für die schriftliche Mittheilung eigene. 
*) So konnte selbst Ovid seine Metamorphosen mit den Worten schließen: 
Jamque opus exegi, quod nec Jovis ira, nec ignes, 
Nec poterit ferrum, nec edax abolere vetustas. 
Cum volet illa dies, quae nil, nisi corporis huius 
Jus habet, incerti spatium mihi finiat aevi, 
Parte tamen meliore mei super alta perennis 
Astra ferar, nomenque erit indelebile nostrum. 
Quaque patet domitis Romana potentia terris. 
Ore legar populi, perque omnia saecula lama, 
Si quid habent veri vatum praesagia, vivam.
	        
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