Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Erkenntnißvermögen. 
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gemeinschaftliche Ursprache gebe oder gegeben habe, ist keinesweges unmöglich, 
im Gegentheil mit der Lehre der Offenbarung sehr verträglich, daß alle Men¬ 
schen von gemeinsamen Stammeltern abstammen und eine Trennung derselben 
erst dann stattfand, nachdem sie bereits in dem Besitze einer Sprache waren. 
Welche diese Ursprache gewesen sei, ließe sich nur auf historischem Wege bestim¬ 
men; doch ist diese Bestimmung um so schwieriger, als von einem Zeitpunkte 
der Entstehung der Sprache, die doch im Grunde Naturbedürfniß ist und inso¬ 
fern der Vereinbarung vorangeht, unmöglich die Rede sein kann und die Sprache 
selbst als eine vorhandene Wirklichkeit nicht allein über alle Geschichte, sondern 
selbst über allen Mythus hinausliegt. Jedenfalls findet die dogmatische Lehre 
über die Abstammung des Menschengeschlechts von einem gemeinsamen Paare 
und die damit zusammenhangende babylonische Sprachverwirrung dadurch eine 
merkwürdige Bestätigung, daß unter den angeblich 3064 lebenden Sprachen, un¬ 
ter denen es nach Humboldts Berichten in Amerika gegen 1000 zum Theil ganz 
abweichende gibt, eine merkwürdige Verwandtschaft stattfindet. 
2. Die sichtbare Sprache oder die Schrift. So wie der Mensch 
für die Bezeichnung seiner Begriffe hörbare Zeichen, d. i. Worte sich schafft, 
so sucht er ebenfalls für die Worte sichtbare Zeichen, um dadurch die Worte, 
die doch in den engen Grenzen des Raumes und der Zeit nur zu bald verhal¬ 
len, auch für das Auge zu firiren, sie vor dem Untergange zu bewahren und 
stehend zu machen. So enstand die Schrift, d. i. die dem Auge darge¬ 
hotene Tonsprache. Die Schrift muß verschieden sein, jenachdem die zu bezeich¬ 
nende Vorstellung noch sinnliche Anschauung ist, oder sich bis zum Gemeinbilde 
der Einbildungskraft erhoben hat, oder endlich zum eigentlichen Begriffe gewor¬ 
den ist. Darum ist die Schrift, wie es auch ihre geschichtliche Entwicklung bestä¬ 
tigt, zuerst eine abbildende, die uns nur Abzeichnungen sinnlicher Gegen¬ 
stände gibt; dann eine allegorische oder symbolische, wohin die Hiero¬ 
alpphen der Aegyptier und Mericaner gehören, die sich wenigstens dem Abstrac¬ 
ten und dem Allgemeinen nähern; endlich die Wortsprache, die dadurch ent¬ 
tand, daß man, nachdem die Sprache sich schon articulirt und begriffsmäßig ge¬ 
staltet hatte, auf den so wichtigen und dennoch so einfachen Gedanken kam, in 
dem Organismus der Sprache die einzelnen Laute aufzusuchen und diese an ein 
äußeres Zeichen zu heften, mit der Bestimmung, daß bei der gegebenen Ge¬ 
sichtsvorstellung dieses Zeichens die entsprechende Gehörvorstellung deselben 
reproducirt werde, so daß es nur einer verschiedenen Verknüpfung dieser Zei¬ 
zu erfahren, welche Volksprache sie zuerst gebrauchen würden. Aber ungeachtet das sprachfa¬ 
bige Alter bei ihnen eingetreien war, brachte doch Keiner einen artienlirten Laut hervor: sie 
waren alle stumm und zeigten nur ein thierisches Leben, obgleich alle dreißig sich bei einander 
befanden. Juvencius Hist. Soc. Jesu. V. 18. Tom. M, p. 461. Die Geschichte zeigt ähnliche 
Beispiele.
	        
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