Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Eintheilung der Psychologie. § 4. 
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a) mit dem ersten, besten Seelenzustande anzufangen und demnächst seine Verbin¬ 
dung mit andern Seelenzuständen, frühern oder spätern, zu ermitteln; oder b) die 
hierüber allgemein herrschenden Ansichten so gut als möglich zu benutzen. Es be¬ 
zeugt uns aber auch das unmittelbare innere Bewußtsein, daß alle unsere See¬ 
lenzustände, ihrer Mannigfaltigkeit ungeachtet, auf drei Hauptclassen zurückkom¬ 
men: sie sind entweder 1) bloße Vorstellungen und Erkenntnisse eines gegebe¬ 
nen äußern oder innern Objectes; oder 2) gewisse, durch die vorgestellten Objecte 
bewirkte, der Seele zusagende oder nicht zusagende Stimmungen; oder 3) Hin¬ 
trebungen des Subjectes auf ein Object, entweder um es zu verwirklichen, oder 
um es zu vernichten. Weil Zustände der ersten Art Erkenntnisse, Zustände 
der zweiten Art Gefühle Zustände der dritten Art Begierden, rücksichtlich 
Verabscheuungen heißen: so hat die Psychologie nothwendig drei Theile und 
zerfällt in die Lehre vom Erkenntniß=Vermögen, in die Lehre vom 
Gefühls=Vermögen und in die Lehre vom Begehrungs=Vermögen. 
Zwar unterschied man früherhin nur zwischen dem Erkenntniß=Vermögen 
facultas cognoscendi) und dem Begehrungs=Vermögen (facultas appe¬ 
tendi): doch ist es nur als ein Fortschritt der Wissenschaft anzusehen, wenn 
man nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts auf das Gefühls=Vermögen 
als auf ein von den genannten beiden Vermögen verschiedenes Vermögen auf¬ 
merksam wurde: insbesondere hat Kant das Verdienst, das Gefühls=Vermö¬ 
gen als ein eigenthümliches Vermögen der Seele nachgewiesen zu haben *). Ob 
übrigens das Gefühls=Vermögen ein besonderes Vermögen der Seele sei, soll 
spater, im Eingange zu der Lehre von diesem Vermögen selbst, untersucht wer¬ 
den: sollte sich aber auch eine verneinende Antwort auf diese Frage finden, so 
wäre hiermit für die Sache selbst noch nichts verloren. Mit welchem dieser Seelen¬ 
vermögen soll nun der Anfang gemacht werden? Doch wohl mit demjenigen. 
welches von den übrigen am unabhängigsten ist, d. h. welches für seine eigene 
Wirksamkeit die Wirksamkeit der übrigen am wenigsten voraussetzt. Da nun die Er¬ 
kenntniß unabhängig von allem Andern und also für sich allein bestehen kann, ein Ge¬ 
fühl hingegen ohne alle Erkenntniß nicht möglich ist, und eine Begierde weder ohne 
ein Gefühl, noch ohne eine Erkenntniß bestehen kann, so ist die Rangordnung der ein¬ 
zelnen Theile unserer Wissenschaft von selbst bestimmt. Die Lehre vom Erkenntni߬ 
Vermögen können wir auch schlechthin die Lehre von dem Geiste (nämlich 
im weitern Sinne des Wortes), die Lehre von dem Gefühls= und Begehrungs¬ 
*) Allerdings will man auch schon früher, schon bei Platon, die Unterscheidung jener drei 
Hauptvermögen finden, man beruft sich auf dessen Schrift De Republ. IV. pag. 367: 
doch ist jene Unterscheidung aus dieser Stelle wenigstens nicht klar zu entnehmen, auch wer¬ 
den anderswo bei Platon die Gefühle den Begierden untergeordnet. Vergl. Biunde, Pfychol. 
B. II, S. 4. 
2* 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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