Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
Einleitung. 
16 
1) die Selbstbeobachtung sei frei von allen Vorurtheilen, Gemüthsbewegungen 
und Leidenschaften, ruhig und gelassen, zureichend stark und anhaltend, doch 
nicht übertrieben, um den Erfolg unbekümmert; 
2) man bestimme genau dasjenige, was man gerade jetzt beobachten will und 
stelle dieses in einer, der Erfahrung vorzulegenden klaren und bestimmten 
Frage auf; 
3) diese Frage sei der Art, daß sie der Aufmerksamkeit, d. i. demjenigen Ver¬ 
mögen in uns, wodurch wir unsere beschauende Thätigkeit einem Gegen¬ 
stande ausschließlich oder doch vorzugsweise zuwenden, einen bestimmten Reiz 
und eine bestimmte Richtung ertheilt; denn, wo dieses nicht der Fall ist, wirkt 
die Aufmerksamkeit nichts, oder richtiger: sie kommt nicht einmal in Thätigkeit; 
4) ist also die vorliegende Frage zu allgemein und unbestimmt, so muß sie in 
die ihr untergeordneten Fragen aufgelöset werden und zwar so lange, bis 
man auf solche Fragen hinkommt, welche die unter 3) genannte Beschaffen¬ 
heit haben; 
hiebei ist jedoch die Vorsicht erforderlich, daß der Gegenstand nicht so zer¬ 
5) 
rissen und zerstückelt werde, daß die Aufmerksamkeit für die Beachtung der 
einzelnen Theile' des Gegenstandes ihren Reiz verliert, oder daß diese doch 
nicht mehr in ihrem natürlichen Zusammenhange gesehen werden können; 
6) die den gefundenen Fragen entsprechende Selbstbeobachtung sei möglichst frei 
von Einseitigkeit; d. h. man beobachte den Gegenstand wiederholt und unter 
den verschiedensten Rücksichten und Umständen, bis die allgemeine Aeußerungs¬ 
weise oder das Gesetzmäßige des Zustandes, weiterhin aller Zustände, gehö¬ 
rig erkannt ist; 
diese Beobachtung werde so lange fortgesetzt, bis alle unsere Seelenzustände 
mit Bestimmtheit erkannt sind; und dieses ist geschehen, wenn wir den Men¬ 
chen durch alle Stufen seiner Bewußtseinsentfaltung hindurch geleitet, alle 
einzelnen Seelenzustände in ihrer Eigenthümlichkeit aufgefaßt, dieselben unter 
allgemeine Begriffe gebracht haben, die einzelnen Seelenzustände selbst, nebst 
Allem, was zu ihrer Erklärung gehört, so auf einander folgen lassen, wie sich 
diese Seelenzustände selbst im Bewußtsein genetisch einstellen und durchbilden, 
sich voraussetzen, bedingen und möglich machen. 
Ueber 2. Wenn den oben genannten Erfordernissen einer richtigen Selbst¬ 
beobachtung gehörig entsprochen ist, so werden sich die zu einer wissenschaftlichen 
Erkenntniß gehörenden Bedingungen, nämlich die Vollständigkeit, die Ordnung und 
die Gründlichkeit schon von selbst einstellen. Volltändigkeit hat die Pfychologie 
dann, wenn sie die sämmtlichen psychischen Erscheinungen des Menschenlebens, 
unbekümmert um ihre größere oder geringere Wichtigkeit, in sich vereinigt, Ord¬
	        
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