Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Inst 
ür Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Denkvermögen. 
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Schlußvermögen sei, daß es also falsch sei, die Vernunft ausschließlich 
für das Vermögen der Schlüsse zu erklären, wobei jedoch besteht, daß es auch 
Schlüsse geben könne, in welchen der Obersatz, der Untersatz und der Schlu߬ 
satz lediglich eine Erkenntniß der Vernunft ist. In diesem Sinne läßt sich 
allerdings zwischen Schlüssen des Verstandes und Schlüssen der Vernunft 
unterscheiden: doch ist das logische Verfahren in beiden Arten eines und das¬ 
selbe, weshalb diese Unterscheidung bloß metaphysisch, nicht logisch ist. Alles 
Uebrige in Beziehung auf die Schlüsse sowohl, als in Beziehung auf die Urtheile 
und die Begriffe gehört in die Logik. 
Schlußanmerkung. 
Ueber die Vorzüge und Schwächen des Verstandes. 
§ 65. 
Die Auszeichnungen und Schwächen des Erkenntnißvermögens, insbeson¬ 
dere aber des Verstandes, in welchem sie wurzeln, geben sich schon bei der Bil¬ 
dung der bloßen Begriffe kund, besonders wenn diese Begriffe mit einander ver¬ 
glichen werden und diese Vergleichung sich dann im Urtheile ausspricht. Sowie nun 
der vergleichende Verstand auf Auffindung der Aehnlichkeiten, der Verschie¬ 
denheiten und des Zusammenhanges der Dinge, d. i. der logischen Verwandt¬ 
schaft unter denselben ausgeht: eben so gibt es auch drei verschiedene Vorzuge 
des Verstandes, nämlich Witz, Scharfsinn und Tiefsinn, welchen Dummheit, 
Stumpfsinn und Oberflächlichkeit als Schwächen entgegengesetzt sind. 
Der Witz. Wir verstehen im Allgemeinen darunter das Vermogen 
1. 
der Auffindung der Aehnlichkeiten in den Verschiedenheiten. Ge¬ 
wöhnlich versteht man darunter die vorzügliche Anlage des Subjectes, also das 
Talent, in verschiedenen Dingen Aehnlichkeiten, besonders verstecktere, anzugeben. 
Das Wort Witz (von Wissen) hat ursprünglich nicht, wie jetzt gewöhnlich, die 
Bedeutung des Scherzes, sondern es bedeutet so viel als natürlicher Ver¬ 
stand (Mutterwitz), wie man auch den gewitzigt nennt, der durch Erfahrung, 
besonders durch Schaden, klug geworden ist. Da nun der Verstand zunächst 
vorzugsweise auf die Auffindung der Aehnlichkeiten in den Verschie¬ 
denheiten gerichtet ist, so wird begreiflich, weshalb gerade diese Richtung des 
Verstandes Witz genannt wird. Aus dem nahen Zusammenhange des Witzes mit 
dem Verstande begreift sich auch, weshalb ein Witzwort, besonders bei einem 
sonst lebhaften Volke, in wichtigen Dingen so oft den Ausschlag gibt. Weil der 
Witz a) die Beurtheilung des Gegenstandes wenigstens theilweise von einem an¬
	        
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