Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Einleitung. 
dingung möglich ist, daß bereits alle diejenigen Wahrheiten bekannt sind, welche 
zwischen dem Subjecte und dem Prädicate als Bedingungen ihrer Vereinigung 
oder ihrer Trennung in der Mitte liegen. Das analytische Verfahren besteht darin, 
daß man eine gegebene Frage in eine andere Frage oder in andere Fragen um¬ 
wandelt, deren Beantwortung leichter ist, bis man auf solche Fragen hinkommt, 
die man. beantworten kann und mit deren Beantwortung die Beantwortung aller 
stufenmäßig entwickelten Fragen anhebt. Daß also auch hier das analytische Ver¬ 
fahren so viel möglich zur Anwendung kommen müsse, ist von selbst klar. Es 
besteht hier darin, daß wir die noch allgemeinen und unbestimmten Fragen über unser 
Seelenwesen immer in bestimmtere Fragen auflösen, bis wir auf ganz bestimmte und 
individuelle Fragen hinkommen, die wir beantworten können. Sie heißt auch 
die heuristische d. i. die suchende Methode, auch mohl die sokratische, indem 
Sokrates sie vorzüglich ausgebildet und zum größten Nutzen seiner Schüler zur 
Anwendung gebracht hat. Sie läßt die Wissenschaft gleichsam vor unsern Augen 
entstehen, und es hat ganz den Anschein, als erfinde und schaffe man die Wis¬ 
senschaft selbst; weshalb die wissenschaftliche Thätigkeit hier eine weit größere, 
die Einsicht eine tiefere, die ganze Verfahrungsweise eine weit natürlichere ist, als 
da, wo die gefundenen Erkenntnisse ohne alle Rücksicht, wie sie gefunden sind, als 
ertige bloß mitgetheilt, übergeben oder überliefert werden. Daß diese Methode hier 
eine auf Beobachtung, d. i. eine auf geprüfte, absichtliche und aufmerksame 
Wahrnehmung ihres Gegenstandes (der Seelenerscheinungen) gegründete sein müsse, 
ist von selbst klar: sogar ist der Versuch hier nicht ganz ausgeschlossen, indem 
sich nicht in Abrede stellen läßt, daß sich mit dem hier zu beobachtenden Gegen¬ 
stande in manchen Fällen, um ihn genauer kennen zu lernen, gewisse absichtliche 
Veränderungen vornehmen lassen. Diese untersuchende oder heuristische Methode 
wird sich aber in Beziehung auf die Psychologie noch verschiedentlich gestalten, 
je nachdem man entweder die monistische oder die dualistische Auffassung der Men¬ 
schennatur zum Ausgangspunkte der Untersuchung hat. Nach monistischer Auffas¬ 
ung ist das psychische Leben des Menschen von dem des Thieres nur graduell 
verschieden und der Mensch ist nur ein sublimirtes Thier: der Mensch hat an 
dem Thiere seinen leiblichen Bruder, doch ist der Mensch der Gott der Erde. 
Daß auf diesem Standpunkte folgerecht nur solche psychische Erscheinungen zur 
Verhandlung kommen können, welche der physischen durchaus entsprechen, ist von 
selbst offenbar: die Methode selbst kann hier keine andere, als die naturwissen¬ 
schaftliche, und zwar keine andere, als diejenige sein, welche man auch bei 
der organischen Naturwissenschaft zur Anwendung bringt, auch ist klar, was in 
dieser Methode zu erreichen ist. Dahingegen können und müssen bei der duali¬ 
stischen Auffassungsweise der Menschennatur auch solche Erscheinungen zur Sprache 
kommen, welche sich aus dem Menschen, sofern er bloßes Naturwesen ist, 
— 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschund
	        
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