Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschunc 
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Einleitung. 
Menschen nach uns selbst beruht allerdings auf der richtigen Voraussetzung, 
daß unsere Mitmenschen dem Wesen nach mit uns derselben Natur sind; doch 
würde es fehlerhaft sein, unsere Mitmenschen geradezu nach üns, insbeson¬ 
dere nach unsern guten oder bösen Eigenschaften zu beurtheilen. Wohl aber steht 
der Satz fest, daß es nichts Gutes und nichts Böses auf der Welt 
gibt, wozu auch wir nicht die Befähigung in uns tragen. Auch 
gehört hierher 2) die psychologische Mittheilung und Belehrung, welche 
sowohl eine mündliche als eine schriftliche sein kann. Sie ist besonders dann von 
Nutzen, wenn sie dazu anleitet, die Aufmerksamkeit auf das Selbstbewußtsein 
hinzurichten und in demselben gleich einem aufgeschlagenen Buche zu lesen. Darum 
bediene sich die Psychologie auch nur einer solchen Sprache, welche die schlichte Er¬ 
fahrung selbst an die Hand gibt, und sie gefalle sich nicht in Worten und Aus¬ 
drücken, welche die Sache selbst eher verdunkeln als erläutern. Insbesondere 
gehören hierher alle diejenigen Schriften, in welchen die Psychologie ganz oder 
zum Theile wissenschaftlich abgehandelt wird. Daß die Psychologie in Ansehung 
ihrer wissenschaftlichen Behandlung noch hinter andern Disciplinen zurückstehe, 
mag wahr sein; es hat dieses wohl darin seinen Grund: a) daß die Empfäng¬ 
lichkeit des Menschen für das Aeußere so groß, für das Innere hingegen so ge¬ 
ring ist, und daß man so häufig dem Irrthume huldigt, man kenne und ver¬ 
stehe das vollkommen, was in unserm eigentlichsten Selbst befindlich ist; 
b) daß man die Psychologie früher nur als einen Zweig der Metaphysik betrach¬ 
tete, und ihr eine durchaus metaphysische Gestalt gab, wodurch sie ihren eigent¬ 
lichen Character, nämlich den einer Erfahrungswissenschaft, mehr oder weniger 
einbüßen mußte. Darum gab es auch längst eine Physik, bevor es noch eine Psy¬ 
chologie gab; darum bringt mancher Mensch es zum gründlichen Wissen um tau¬ 
send Dinge, nur nicht zu einer mittelmäßigen Selbstkenntniß. Endlich gehören 
hierher 3) mehrere andere Wissenschaften; namentlich gehört hierher 
die Geschichte der Menschen, auch gehören hierher Schilderungen bedeu¬ 
tender oder außergewöhnlicher Menschen, wenn sie mit Aufrichtigkeit und Geschick¬ 
lichkeit geschrieben sind, wie wir solche vorzugsweise bei den Alten finden. Insbe¬ 
ondere ist die Sprache für den Psychologen von der größten Wichtigkeit. So wie 
nämlich in der Regel anzunehmen ist, daß dem Worte eine Wirklichkeit ent¬ 
spreche und daß die Sprache für die Sache das treffendste Zeichen gewählt hat, 
so gilt dieses ganz besonders von unsern Seelenzuständen: vorzüglich behaupten wir 
dies von der deutschen Sprache, welche wenn sie auch, so wie alle Sprachen in 
ihrer Kindheit, an Ausdrücken für geistige Begriffe sehr arm war, und sich da¬ 
her mit buchstäblichen Uebersetzungen lateinischer Ausdrücke oft behelfen mußte, 
dennoch durch einen wunderbaren Vernunftinstinct das Innere der Seele in den 
treffendsten Bezeichnungen enthüllt hat. Der Psycholog soll daher die Sprache
	        
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