Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Inst 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Einbildungskraft. 
nicht entstehen, weil Verstand und Gesichtssinn außer Thätigkeit sind. Erwacht 
der Träumer plötzlich aus seinem Zustande, nämlich durch eine starke äußere Ein¬ 
wirkung, so theilt die von ihm eingeleitete Handlung dieselbe Gefahr, womit sie 
auch im gewöhnlichen Zustande verbunden ist. Man findet das Nachtwandeln 
am häufigsten bei solchen Menschen, bei denen es Gewohnheit geworden ist, 
über ihren Geschäften einzuschlafen und diese dann halbschlafend zu verrichten; 
man findet es mehr bei jungen als bei alten Leuten, mehr bei feurigen als kalt¬ 
blütigen, mehr bei Mannspersonen als bei Frauenzimmern. Mittel dagegen sind: 
1) Beförderung eines natürlichen gesunden Schlafes durch angemessene Beschäf¬ 
tigung; 2) ernster Vorsatz, den Traum zu unterbrechen; 3) Bewerkstelligung kör¬ 
perlicher Unannehmlichkeiten, selbst Androhung und Anwendung empfindlicher 
Züchtigungen. Ist das Uebel, wie meistens, im körperlichen Organismus gegrün¬ 
det, so bedarf es der ärztlichen Hülfe. 
b. Die willkürlichen Dichtungen. 
§ 49. 
So wie alle Dichtungen, so entstehen auch die verständigen oder die 
willkürlichen Dichtungen aus frühern Sinnenvorstellungen, entweder durch Ver¬ 
bindung, oder durch Trennung oder durch beide zugleich. Der Unterschied zwischen 
den bloß sinnlichen oder den unwillkürlichen und den verständig sinnlichen oder will¬ 
kürlichen Dichtungen besteht lediglich darin, daß an jenen Verstand und Wille keinen 
Antheil nehmen, wogegen diese unter der Leitung des Verstandes und des Willens 
tehen. Eben darum, weil diese Dichtungen von der einen Seite sinnliche, von 
der andern Seite aber auch verständige und zwar willkürliche Dichtungen sind, 
ist ihre Entstehung uur in einem solchen Wesen möglich, welches eine sinnliche 
und eine intelligente und freie Natur in sich vereinigt: eben darum gehen diese 
Dichtungen aus der Doppelnatur des Menschen hervor und darum sind 
solche Dichtungen weder in einem bloß thierischen, noch in einem rein geistigen 
Wesen möglich *). Zu einer jeden willkürlichen Dichtung gehören also: 1) eine 
Naturvorstellung, d. i. eine sinnliche Vorstellung, 2) eine geistige Vorstellung, 
d. i. ein Begriff des Verstandes oder eine Idee der Vernunft; 3) eine gegen¬ 
seitige Durchdringung dieser beiden Stücke, was aus der Gemeinschaft und Wech¬ 
selwirkung der sinnlichen und vernünftigen Natur des dualistischen Menschen voll¬ 
kommen begreiflich ist. Hiedurch wird gleichsam das Unmögliche möglich gemacht, 
*) Hier zeigt sich die Wahrheit des Ausspruchs unsers Dichters: 
Dein Wissen theilest du mit vorgezogenen Geistern, 
Die Kunst, o Mensch, hast du allein.
	        
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