Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

197 
Dichtungsvermögen. Die Träume. § 49. 
stellungen des Schlafwachenden dadurch bewirkt, daß man ihn mit seinem per¬ 
önlichen Namen nennt: denn kein Laut ist uns bekannter, keiner dringt so tief 
in uns ein und keiner hängt mit dem durch den Schlaf gestörten Selbstbewußt¬ 
sein. d. i. mit unserm persönlichen Ich, näher zusammen. Man kann drei Grade 
des Nachtwandelns unterscheiden. Der erste ist das Schlafreden, entweder 
in abgerissenen Worten oder in zusammenhangender Rede, welches sich oft belie¬ 
big leiten läßt, wenn man die Lieblingsphantasie des Träumers erräth und nicht 
hart gegen seine Phantasie verstößt. Der zweite Grad ist die Verrichtung 
solcher Handlungen, wie sie gewöhnlich nur im wachenden Zu¬ 
stande verrichtet werden. So stehen Schlafende Nachts auf, satteln ihr 
Pferd und reiten frei herum, gehen in einen Laden, kaufen und bezahlen und 
finden sich am andern Morgen im Bette, ohne sich des Geschehenen zu erinnern. 
Je nachdem der Traum selbst mehr Einheit hat, wird auch ein solches Handeln 
mehr Einheit haben, wie wenn z. B. der Traum nichts als die Reproduction 
einer langen Gewohnheit ist, welche der Nachtwandler wieder verrichtet. Ist 
aber die Einheit des Traumes nicht da, so muß dem Traume durch andere Em¬ 
pfindungen, z. B. durch Berührung der Gegenstände, durch Versuche mit Hän¬ 
den und Füßen, nachgeholfen werden. Der dritte Grad des Nachtwandelns 
ist endlich die Verrichtung solcher Handlungen, welche selbst das 
Maaß der Kraft im wachenden Zustande übersteigen. So er¬ 
steigt z. B. ein am Tage sogar furchtsamer Mensch eine gefährliche Höhe, er 
klettert auf einen Baum oder auf die Spitze eines Daches. Alles dieses ist nur 
daraus begreiflich, daß 1) das Reproductionsvermögen in allen diesen Fällen den 
Gegenstand, worauf die Handlung sich bezieht, auf die klarste und bestimmteste 
Weise vorstellt; daß 2) die Seele in dieser ihrer anschauenden Wirksamkeit durch 
Sinn und Verstand auf keine Weise gestört wird, so daß die Seele nur diesen 
Gegenstand, nach gänzlicher Wegschneidung alles Fremdartigen vor sich hat; daß 
endlich 3) im Zustande des Nachtwandelns die Gefährlichkeit der meisten darin 
unternommenen Handlungen dadurch sehr vermindert oder gar gänzlich aufge¬ 
hoben wird, weil a) gar keine Gefahr gesehen wird, weil b) durch Sinn und 
Verstand keine störenden Wirkungen erfolgen, so daß sowohl die Reflexion über 
uns selbst und über das Object, als auch der aus einer abnormalen Wirksam¬ 
keit des Gesichtssinnes hervorgehende Schwindel unmöglich ist, weil c) solche 
Handlungen in der Regel schon von selbst ausbleiben, welche das Maß des Sub¬ 
jectes übersteigen, indem die Einbildungskraft dafür kein Bild liefert. Die mei¬ 
sten Handlungen nämlich sind nicht an sich gefährlich, sondern sie werden es 
durch Reflexion, insbesondere durch Schwindel. So ist es an sich nicht gefähr¬ 
licher, ob ich über ein schmales Brett von sechs oder sechszig Fuß Länge auf 
der Erde oder in der Höhe gehe: Reflexion und Schwindel können aber hier 
Max-Planck-Inst 
Bild 
forsch
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer