Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Dichtungsvermögen. Die Träume. § 49. 
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achtet *). Auch kann der Mensch sich mit Erfolg das Gebot auflegen, nicht zu 
träumen. Die Lebhaftigkeit der Träume richtet sich im Allgemeinen nach dem 
Alter, dem Temperamente und den gewöhnlichen Vorstellungen und Empfindun¬ 
gen des Menschen: darum ist die Lebhaftigkeit der Träume geringer bei sehr 
ruhigem Temperamente, bei schon fortgeschrittenem Alter und bei vorwaltendem 
Interesse für die abstracte Begriffswelt. Ist der Traum der Art, daß der Schla¬ 
fende von einer durch die Phantasie erdichteten schwer aufliegenden Gestalt 
(incubus), welche Brust und Kehle zusammenpreßt und die unter der Herr¬ 
chaft des Willens stehende Muskelbewegung, z. B. der Hände und Füße, un¬ 
möglich macht, gleichsam erdrückt wird: so entsteht der Alp oder das Alp¬ 
drücken. Der Alp schließt dreierlei in sich ein: a) die Vorstellung eines schwer 
aufliegenden, bald so, bald anders beschaffenen, den Schlafenden quälenden Un¬ 
holdes; b) die Vorstellung und das Bestreben, sich durch eine Veränderung der 
Lage des Körpers aus dieser qualvollen Lage zu befreien; c) die gänzliche Un¬ 
möglichkeit, dem Körper eine andere Lage zu geben, bis endlich der Schlafende, 
meistens unter dem Gefühle der Erstickung, plötzlich erwacht, froh sich gerettet 
zu wissen, und im vollem Bewußtsein der Muskelbewegung. Das Characteristi¬ 
che des Alps besteht in dem totalen Unvermögen, sich zu bewegen, welches im 
Traume und selbst im tiefen Schlafe nicht stattfindet, z. B. bei einer unbeque¬ 
men Lage oder dem Kitzel durch eine Fliege. Der Alp war in Rom einstmals 
epidemisch. Er findet sich am häufigsten bei sehr reizbaren Jünglingen oder bei 
Nervenschwachen; die allgemeine Ursache desselben ist Alles, wodurch der Blut¬ 
umlauf momentan gestört werden kann, wohin insbesondere Vollblütigkeit und 
Unterdrückung periodischer Ausleerungen gehört; die besten Mittel dagegen sind 
eine naturgemäße Lebensart, insbesondere Mäßigkeit in Speise und Trank. Die 
Wirkungen heftiger Träume auf Körper, Geist und Gemüth sind höchst nach¬ 
theilig. Sie stören den gesunden Schlaf, sie schwächen die Sinnesfunctionen und 
geben der Einbildungskraft eine disharmonische Richtung, wodurch die übrigen 
Zeistesfunctionen von selbst in Unordnung gerathen müssen: darum rauben sie 
der Seele das Gleichgewicht, bewirken Geistesverwirrungen, fire Ideen und 
haben vielleicht häufiger, als man glaubt, den jähen Tod zur Folge gehabt. 
Wenn der Traum sehr lebhaft ist, so geschieht es oft, daß Menschen gewisse 
außere Handlungen oder Verrichtungen ausüben, z. B. gehen, klettern, sprechen 
schreiben, auf dieselbe Weise, wie im wachenden Zustande. Hierin besteht das 
Nachtwandeln oder Schlafwachen, welches man auch den natürlichen Som¬ 
nambulismus nennt. Hier nur ein einziges Beispiel. Gaillard, Fischer 
und Fischhändler in Frankreich, bemerkte im Jahre 1840, daß aus einem, in 
*) Bgl. Cicero pro Roscio Amer. c. 23. 
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