Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Inst 
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1, Theil. Die Lehre vom Geiste. Einbildungskraft. 
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man im Traume oft etwas findet oder sich an etwas erinnert, was sich im wachen¬ 
den Zustande nicht finden läßt; c) daß man im Traume sich etwas vorstellt, 
welches sich in der Folge wirklich ereignet. Alles dieses ist aus der ungehinder¬ 
ten Wirksamkeit der sich selbst überlassenen Einbildungskraft, theilweise sogar 
gerade aus der gewaltsamen Störung des Gleichgewichtes der Kräfte vollkom¬ 
men begreiflich. Weil die Erinnerung nicht möglich ist ohne Selbstbewußtsein, 
so kann sich wohl der Mensch, aber nicht auch das Thier, gehabter Traumvor¬ 
stellungen erinnern. Die Erinnerung einer gehabten Traumvorstellung ist nur 
dadurch möglich, daß die von dem Naturbewußtsein gewonnenen Vorstellungen 
Wirkungen oder Spuren in der Seele zurücklassen, die sich später vermit¬ 
telst der Gemeinschaft zwischen dem Naturleben und dem geistigen Leben auch 
dem geistigen Bewußtsein zeigen, und die nun auf das Ich, als den gemeinsamen 
Träger aller unserer innern Zustände, bezogen werden. Oft fallen uns die 
Träume nur allmählich wieder ein, oft ist eine Reproduction derselben rein un¬ 
möglich: auch ein Beweis dafür, wie wenig intensiv das eigentliche Selbst bei 
den Traumvorstellungen beschäftigt ist. Die Möglichkeit der vielen prophetischen 
Träume begreift sich a) aus Bemerkungen und Schlüssen, welche wegen Abwe¬ 
senheit gewöhnlicher Störungen durch Sinn und Verstand wohl im Traume, aber 
nicht im wachenden Zustande gemacht werden; b) aus bloß eingebildeter Aehnlichkeit 
der Traumvorstellungen mit dem spätern Ereignisse (woher es auch kommt, daß die 
prophetischen Träume gewöhnlich erst, nachdem sie in Erfüllung gegangen sind, 
erzählt werden); c) aus der Einerleiheit der Ursache des Traumes selbst und 
der nachherigen Erfüllung desselben, wie wenn z. B. ein krankhaftes Gefühl den 
Menschen im Traume auf die Vorstellung seines baldigen Todes führt und der 
Mensch in Folge seiner Krankheit auch bald wirklich stirbt. Darum können 
aber noch sehr wohl prophetische Träume auf übernatürlichem Wege möglich 
sein. Die Träume sind allerdings keine unmittelbar freie Handlungen: sie 
können aber darum noch recht wohl mittelbar freie Handlungen sein; denn die 
Träume richten sich mit Nothwendigkeit nach der Beschaffenheit unsers Körpers 
und unsers Geistes überhaupt, insbesondere nach der Beschaffenheit unsers Kör¬ 
pers und unsers Geistes unmittelbar vor dem Schlafe, und es ist bekannt, wie 
sehr Körper und Geist in beider Rücksicht unter der Leitung des freien Willens 
stehen. Eben darum können uns auch umgekehrt unsere Träume zum Anlasse 
dienen, auf die Beschaffenheit unsers Körpers und unserer Seele aufmerksam zu 
sein. So sind die Vorschriften der Moral schwerlich bei demjenigen bis zum 
innigen Gefühle ihrer Verbindlichkeit herangereist, welcher im Traume etwa einen 
Mord, einen Meineid, einen Diebstahl ohne einen innern Kampf und ohne Wi¬ 
derstand begehen kann. Dagegen hat man einen ruhigen, gesunden Schlaf nicht 
mit Unrecht für ein redendes Zeugniß eines reinen, unschuldigen Gemüthes er¬
	        
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