Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Max-Planck-Institut für Bildungsforschund 
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Einleitung. 
jener beiden Realprincipien erkennen lassen. Diese Erkenntnißquelle ist im allgemeinen 
die Erfahrung, wie ja denn überhaupt eine Erkenntniß über unsere Seele, 
d. i. über den mit dem Körper verbundenen Geist nur auf empirischem Wege 
möglich ist. Unter Erfahrung verstehen wir aber hier nicht etwa bloß eine 
Erkenntniß aus sinnlichen Wahrnehmungen, die jeder machen kann, der nur ge¬ 
unde Sinne hat; sondern wir verstehen darunter die gelehrte Erfahrung d. i. 
die aus geprüften Wahrnehmungen richtig abgeleitete Erkenntniß. Die Erfahrung 
ist entweder eine eigene oder eine fremde, je nachdem sie entweder von uns 
selbst oder von Andern gemacht wird: jede derselben ist entweder eine äußere 
oder eine innere, je nachdem sie entweder vermittelst des äußeren oder des in¬ 
neren Sinnes erworben wird. Es bedarf wohl kaum der Nachweisung, daß die¬ 
enige Erfahrung, welche uns zur Erkenntniß unsers Eigensten und Inner¬ 
sten verhelfen soll, eine eigene und eine innere sein müsse. Also nur Hinrichtung 
des Selbstbewußtseins auf das, was in uns selbst ist und geschieht 
oder auch das Selbstbewußtsein schlechtweg, und zwar das Bewußtsein 
des Geistes in seiner Zuständlichkeit ist die Erkenntnißquelle der Psychologie. Da¬ 
rum ist psychologische Erkenntniß auch nur in einem selbstbewußten Wesen möglich. 
Daraus aber, daß nur die eigene innere Erfahrung eigentliche Quelle der 
Psychologie ist, folgt keinesweges, daß nicht noch manches Andere wenigstens als 
Hülfsquelle für die Psychologie in Betracht kommen könne. So würde man 
wohl niemals zu einer Seelenlehre kommen, wenn man nicht die unwillkürlichen 
und willkürlichen Aeußerungen anderer Menschen mit zu Hülfe nehmen wollte. Zu 
diesen Hülfsmitteln oder Hülfsquellen gehören folgende Disciplinen: 1) die com¬ 
parative Psychologie, d. i. die Vergleichung des bloß thierischen Lebens mit 
dem menschlichen Leben in psychologischer Rücksicht*). Den oft gehörten Behaup¬ 
tungen gegenüber, entweder daß die Thiere gar keine Seele hätten, oder daß durch 
eine Vergleichung des thierischen Seelenlebens mit dem menschlichen dieses gar zu 
sehr herabgewürdiget werde, geben wir der comparativen Psychologie gern den 
doppelten Satz zu: a) daß das Thier nicht bloß raumerfüllende Masse, etwa 
bloß Maschine oder Automat sei, sondern daß es auch physische Thätigkeit besitze; 
b) daß diese physische Thätigkeit auch in manchen Stücken derjenigen ähnlich sei, 
die wir beim Menschen finden. Hiemit ist aber weder zugegeben, daß die sogenannte 
Thierseele ein von dem thierischen Körper verschiedenes Wesen sei, wie das bei 
dem menschlichen Körper und dem menschlichen Geiste wenigstens im System 
des Dualismus der Fall ist; noch ist damit zugestanden, daß es nur einen quan¬ 
titativen oder graduellen, aber nicht einen wesenhaften oder qualitativen Unterschied 
*) Vergl. Flemmings Philos. der Seele Thl. II. (Berlin 1830), Burdach Blicke ins Leben. 
3 Theile. (Leipzig 1842).
	        
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