Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Max-Planck-Institut für Bildungsforschun 
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Einleitung. 
ist eine andere, von der Metaphysik zu beantwortende Frage: jedenfalls muß 
die empirische Psychologie der rationalen vorangehen, wie denn überhaupt die 
Psychologie eine nothwendige Grundlage für das ganze System der Metaphysik bil¬ 
det. Was jedoch die Eintheilung der Psychologie in empirische und rationale 
selbst betrifft, so ist darüber noch zu bemerken, daß die Functionen der eigent¬ 
lichen Psyche d. i. des mit dem physischen Körper verbundenen übersinnlichen 
Geistes nur auf empirischem Wege, insbesondere nur im Wege des Selbst¬ 
bewußtseins d. i. der eigenen inneren Erfahrung, aber nicht auf rationalem 
oder speculativem Wege erkennbar sind, weshalb denn auch die rationale Psycho¬ 
logie mit der Pneumatologie inhaltlich zusammenfällt. Der Ausdruck: Empirische 
Psychologie ist somit im Grunde Tautologie. — Ihrer Form nach theilt sich 
die Psychologie in eine gemeine und in eine gelehrte, oder bestimmter in eine 
unwissenschaftliche und in eine wissenschaftliche, je nachdem sie entweder 
einen bloßen Zusammenwurf psychologischer Erkenntnisse in sich schließt, oder je 
nachdem sie ein Inbegriff von vollkommenen Erkenntnissen d. i. von solchen 
Erkenntnissen über unser Seelenwesen ist, in welchen Ordnung, Vollständigkeit 
und Gründlichkeit herrschend sind. Wo von Psychologie schlechtweg die Rede 
ist, da verstehen wir nur die psychologische Wissenschaft darunter: auch ist 
von selbst klar, daß nur die psychologische Wissenschaft für uns von wahrer, 
Bedeutung sein könne. Ihre hohe Wichtigkeit ergibt sich insbesondere daraus, daß 
die menschliche Seele Subject aller menschlichen Erkenntniß ist, daß nicht allein 
alle richtige Selbst= und Menschenkenntniß, sondern auch alle diejenigen Wissenschaf¬ 
ten auf ihr beruhen, welche irgend einen Zweig des menschlichen Seelenwesens 
entweder zur Grundlage oder zum Gegenstande haben. So ist richtige Auffassung 
und Beurtheilung der Geschichte, oder auch nur Zeichnung eines bedeutenden Cha¬ 
rakters ohne Psychologie gar nicht möglich. Eine andere Eintheilung der Psycho¬ 
lologie, die wissenschaftlichen Werth hätte, gibt es nicht. Allenfalls ließe sich 
die Psychologie in eine allgemeine und in eine besondere eintheilen, von 
denen die erste die Seelenerscheinungen bloß im Allgemeinen und in ihrem 
inneren Zusammenhange vorzulegen, die zweite hingegen auf das mehr Specielle 
und Individuelle der Seelenerscheinungen sich einzulassen hätte *). In diesem Sinne 
würde die hier abzuhandelnde Psychologie eine allgemeine, die menschliche Seele 
*) Carus theilt die Psychologie ein in allgemeine, welche von der Natur des 
menschlichen Geistes überhaupt, in speciale, welche von dem Unterschiede unter den Men¬ 
schen handelt, und in individuale (gleichsam Biographie), welche von dem Leben einzel¬ 
ner Menschen redet. Wenn es aber keinen wesentlichen Unterschied unter den Menschen gibt, 
sondern aller Unterschied unter den Menschen nur ein bloß äußerer und zufälliger ist, so 
trifft jene Eintheilung das Wesen der Sache nicht, abgesehen davon, daß der Psychologie fast 
keine Grenzen mehr gesteckt blieben, wenn sie sich auf das Leben einzelner, in psychologischer 
Hinsicht bedeutender Menschen einlassen wollte.
	        
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