Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Bewußtsein. Selbstbewußtsein insbesondere. § 31. 
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standes verbindet, da steht die Vorstellung des Ich entweder unter der Vorstellung 
des Zustandes, z. B. „Ich bin in Gedanken;“ oder sie steht über der Vorstellung 
des Ich, z. B „Ich denke:“ im ersten Fall ist das Ich blos Träger, im zwei¬ 
ten Falle ist es auch Ursache des innern Zustandes, und nur im zweiten Falle 
haben wir das Selbstbewußtsein im eigentlichen Sinne. Das Selbst- oder Ich¬ 
bewußtsein geht ursprünglich dem bewußten Zustande nicht voran, indem gerade 
der Zustand es ist, welcher den Ichgedanken, d. i. den Gedanken der den Zustand 
tragenden Substanz und der ihn wirkenden Kraft nothwendig macht: ist aber 
das Selbstbewußtsein in dieser Weise einmal gewonnen, so tritt es von nun an 
auch in seiner Selbstständigkeit auf und der Ichgedanke geht nun mehr oder minder 
allen unserm (vernünftigen) Erkennen und Wollen vorbereitend und vorleuchtend voran. 
Das Selbstbewußtsein tritt zuerst in dem tiefen Gedanken auf: „Ich bin:" es ist die¬ 
ses der Urgedanke des Geistes von sich selbst, wodurch er im Conflicte mit dem 
fremden Sein seine Selbstheit bewahrt und bewährt, wodurch er Besitz von sich selbst 
ergreift, indem er sich als Sein und als Grund erfaßt und sich selbst als eine unbe¬ 
zweifelbare Realität jeder andern Realität mit der Frage gegenüberstellt: ob auch 
sie in der That wirklich sei. Nicht das Individualbewußtsein, wohl aber 
das Selbstbewußtsein ist auf einmal klar und deutlich. Wo nun dem Menschen 
das Selbstbewußtsein einmal aufgegangen ist, da unterscheidet er mehr oder min¬ 
der klar zwischen einer bloß sinnlichen oder unfreien und zwischen einer vernünf¬ 
tigen oder unfreien Seite seiner Wesenheit und mit dem Eintreten dieser Unter¬ 
scheidung hört die Natur auf, die einzige Macht im Menschen zu sein, sondern 
es tritt zu jener eine neue Macht hinzu, die jedesmal um ihr Jawort befragt 
ein will, wo die Natur etwas zu vollführen gedenkt. Doch bleibt auch jetzt der 
Natur noch immer Macht genug, den Geist zu täuschen und ihn hinter sein 
eigenes Licht zu führen. Dieses geschieht 1) theoretisch so, daß die Natur. 
obgleich sie zu meinen Füßen liegt, sich selbst für den Geist, ja für Gott im 
Himmel ausgeben und den Geist verführen kann, vor ihr, als einem goldenen 
Kalbe, anbetend niederzusinken; 2) praktisch so, daß die Natur, bald lockend 
bald schreckend, dem Geist für seine Güter ihre Güter, d. i. für das Ewige und 
Uebersinnliche den wandelbaren Reiz der augenblicklichen Sinnenlust feilbieten 
und ihn hiedurch um das ihm gebührende Recht der Erstgeburt betrügen kann. 
Und leider finden sich beide Irrthümer, nämlich Götzendienst und Sitten¬ 
losigkeit gewöhnlich zusammen. Das Selbstbewußtsein ist entweder ein ab¬ 
trackes oder ein concretes, entweder reines oder gemischtes Selbstbewußtsein. 
dort tritt die Vorstellung des Ich für sich allein, hier tritt sie in Verbindung 
mit einem innern Zustande auf. Die Vorstellung des reinen Ich findet sich aber 
nicht im gemeinen, sondern nur im höhern (wissenschaftlichen) Bewußtsein und 
erst dadurch wird das Selbstbewußtsein ein höheres, daß das Ich sich in seiner 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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